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Satin-Stiche meistern: Von der Software bis zum Aussticken (der „Teddy“-Workflow)
Der Satin-Stich ist so etwas wie das „kleine Schwarze“ der Stickerei: elegant, auffällig und perfekt für Konturen und Details. Gleichzeitig ist er einer der gnadenlosesten Sticharten. Weil Satin aus vergleichsweise langen, frei liegenden Fäden besteht und Licht stark reflektiert, sieht man jede Schwäche sofort—als Welle, Lücke oder unsaubere Kante.
In dieser Masterclass schlagen wir die Brücke zwischen digitaler Theorie und der Realität an der Maschine. Du digitalisierst ein „Teddy“-Logo mit drei unterschiedlichen Satin-Methoden in der Embroidery Legacy Digitizing Software. Der eigentliche Gewinn liegt aber in der Optimierung: weniger Sprünge, weniger Trims, sauberere Übergänge—und damit ein ruhigerer Lauf an der Maschine.

Tool 1: Steil (Satin mit fester Breite) für Konturen
Das Steil-Tool kannst du dir wie einen „Rohr“-Generator vorstellen: Es erzeugt eine Satin-Spalte mit gleichbleibender Breite entlang einer Mittellinie. Ideal für gleichmäßige Umrandungen, Kabel-/Drahtoptiken oder einfache geometrische Konturen.
Schritt für Schritt: Backdrop & Maßstab (das Fundament)
Bevor du den ersten Punkt setzt, brauchst du eine korrekte Größenreferenz. Ist der Backdrop falsch skaliert, stimmen später weder Proportionen noch die Wirkung von Satinbreiten—und das Ergebnis wird entweder „bretthart“ oder voller Lücken.
- Backdrop laden: Teddy-Referenzbild (PNG/JPG) importieren.
- Maße kalibrieren: In den Properties die Einheit auf Inches umstellen.
- Breite setzen: Seitenverhältnis beibehalten und die Breite auf 4 inches einstellen.
- Sichtbarkeit verbessern: Opacity reduzieren (im Video deutlich heruntergeregelt), damit du die Linien beim Digitalisieren klar siehst.
- Zoom: Auf 6:1 arbeiten—für saubere Kurven und kontrollierte Punktsetzung.


Schritt für Schritt: Ohren digitalisieren
- Steil-Tool auswählen.
- Breite festlegen: Im Tutorial wird 2.5 mm gezeigt.
- Praxis-Hinweis: Im Video wird später erwähnt, dass man für kleinere/feinere Bereiche auch schmaler gehen kann (z. B. Richtung 2,2–2,0 mm), wenn die Kontur weniger „hart“ wirken soll.
- Pfad eingeben (Fast Draw):
- Linksklick: Gerade Punkte.
- Rechtsklick: Kurvenpunkte.
- Mittellinie nachzeichnen: Beim Steil-Tool arbeitest du entlang der Centerline.
- Navigation: Mit Leertaste im Digitalisiermodus verschieben (Panning), ohne den Flow zu verlieren.


Warum feste Konturen in der Praxis „wackeln“ können
Feste Breite ist schnell—aber sie setzt voraus, dass der Stoff im Stickrahmen stabil liegt. Auf T-Shirt-/Sweat-Maschenware zieht sich das Material beim Einstich gerne zusammen.
- Risiko: Eine sauber geplante 2,5-mm-Kontur wirkt im Stickbild stellenweise schmaler/breiter, wenn der Stoff beim Sticken wandert.
- Konsequenz: Du kannst schlechte Einspannung nicht „wegdigitalisieren“. Der Stoff muss straff im Stickrahmen sitzen—ohne den Fadenlauf zu verziehen.
Wenn dir bei Serien (z. B. 50 Brustlogos) die Passung schwankt, ist das oft weniger ein Software- als ein Einspann-Thema. Genau hier steigen viele Profis auf Magnetrahmen für Stickmaschine um: Statt den Stoff über eine Schraube „reinzuquetschen“ (mit Risiko für Rahmenspuren/Verzug) klemmt ein Magnetrahmen gleichmäßig von oben—und die fest definierte Satinbreite kommt reproduzierbarer raus.
Tool 2: Satin-Tool (variable Breite)
Wenn Steil ein „Rohr“ ist, ist das Satin-Tool eher wie „Teig“: Die Spalte kann organisch schmaler und breiter werden. Das brauchst du für geschwungene Formen, kalligrafische Elemente oder—wie im Beispiel—die Gesichtskontur.
Schritt für Schritt: Gesichtskontur
- Auf Satin-Tool wechseln.
- Kante A (außen) nachzeichnen: Punkte entlang der äußeren Silhouette setzen.
- Kante B (innen) nachzeichnen: Danach die innere Kante setzen—damit definierst du die variable Breite.
- Für die Realität kompensieren: Enden an Übergängen leicht „überziehen“ bzw. bewusst etwas überlappen lassen.
- Fadenfluss steuern: Inclination Lines (Stichwinkel) setzen. Diese bestimmen, wie der Satin um Kurven „läuft“.


Die „Überlappungs“-Regel (und warum manchmal „kurz geschnitten“ wird)
Im Video siehst du, dass der Digitalisierer Enden entweder minimal überlappt oder bewusst etwas „kurz“ setzt—je nachdem, wie der Übergang später abgedeckt wird.
Stoff ist nicht statisch.
- Pull: Satin-Spalten ziehen den Stoff in die Spalte hinein—die Form wird optisch schmaler/kürzer.
- Push: Fadenmasse drückt in Stichrichtung bzw. entlang des Stichwinkels nach außen.
Praxisregel: Wenn zwei Satin-Objekte optisch „stoßen“ sollen, brauchen sie in der Datei meist eine kleine Überdeckung. Wenn sie am Bildschirm nur „Kante an Kante“ liegen, entsteht im Stickbild schnell eine Lücke.
Tool 3: Classic Satin für maximale Kontrolle
Classic Satin (in anderen Programmen oft „Manual Satin“/„Point-Counterpoint“) gibt dir volle Kontrolle: Du setzt Punktpaare links/rechts—wie Sprossen einer Leiter. Damit definierst du Breite und Stichwinkel gleichzeitig.
Schritt für Schritt: Innere Details
- Rhythmus halten: Punkt setzen, direkt den Gegenpunkt auf der anderen Seite setzen (Punkt–Gegenpunkt).
- Kurven sauber führen: Für Kurven im Video konsequent mit Rechtsklick-Kurvenpunkten arbeiten.
- Schließen: Rundungen sauber bis zum Startpunkt führen und dann abschließen.


Auto Splice: Lange Satin-Stiche entschärfen
Im Tutorial werden Stiche über 7 mm automatisch „gespliced“ (geteilt).

Warum das wichtig ist: Sehr lange Satin-Stiche können lose Schlaufen bilden und sind anfälliger fürs Hängenbleiben. Mit Auto Splice setzt die Software einen zusätzlichen Einstich, um den langen Faden zu sichern. In der 3D-Ansicht ist dieser Effekt gut zu erkennen.
Profi-Tipp: Auto Branching für weniger Sprünge und Trims
Wenn du einzelne Teile (wie die Ohrsegmente) separat digitalisierst, entstehen Sprungstiche und oft unnötige Trims. Jede Trim-Sequenz kostet Zeit und ist eine potenzielle Schwachstelle.
Schritt für Schritt: Pfad bereinigen
- Alle Ohrsegmente markieren (Ctrl + A).
- Automatic Branching anklicken.
- Ergebnis: Die Software erstellt einen durchgehenden Ablauf mit Laufstich-Verbindungen—nur ein Start und ein Ende bleiben.


Hinweis aus der Praxis: Auch wenn „Smart Join“/Auto-Funktionen viel abnehmen—im Video wird klar gezeigt, dass man die Reihenfolge/Start-Stop-Punkte trotzdem kontrollieren muss, weil gelegentlich ein unnötiger Trim auftauchen kann.
Warnung: Nadelsicherheit. Beim Optimieren (weniger Trims) dürfen Travel Runs nicht zu „Knotenpunkten“ mit zu viel Stichlage führen. Dichte Stapel können Nadelablenkung verursachen. Testläufe mit Aufmerksamkeit fahren.
Schriftzug: Strategie & Umsetzung
Für „TEDDY“ wird im Video gemischt gearbeitet:
- SATIN: für die eher geraden Bereiche (z. B. T und E).
- CLASSIC SATIN: für Kurven (z. B. D und Y)—mehr Kontrolle in der Rundung.



Die „Hidden Path“-Technik (Laufstich, der später verschwindet)
Typische Frage aus der Praxis: „Was mache ich, wenn ich den kurzen Laufstich nicht sehen will—lasse ich ihn weg und nehme dafür einen Trim?“
Die Logik im Video: Diese kurzen Laufstiche sind Verbindungsstiche/Travel Runs. Sie haben zwei Aufgaben:
- Sie vermeiden zusätzliche Trims (Maschine läuft schneller).
- Sie werden als Drop Stitch so platziert, dass sie später vom Satin überdeckt werden.
Ziel: Der Laufstich liegt unter dem nächsten Satin-Objekt.
- Erfolg: Er ist im fertigen Stickbild unsichtbar.
- Fehlschlag: Er „blitzt“ an einer Kante heraus.
Wenn der Laufstich sichtbar bleibt (schnelle Checks):
- Pfadführung prüfen: Läuft der Travel Run wirklich in die Fläche, die als Nächstes mit Satin abgedeckt wird (nicht knapp an der Außenkante)?
- Stoffbewegung prüfen: Wenn der Stoff beim Sticken wandert, kann ein eigentlich „vergrabener“ Laufstich sichtbar werden—Stabilisierung und Einspannung sind dann der Hebel.
Vorbereitung: „Pre-Flight“-Check
Auch die beste Datei scheitert, wenn Setup und Material nicht passen. Im Video wird auf weißer Maschenware gestickt—das ist anspruchsvoll, weil es nachgibt und jede Unsauberkeit sichtbar macht.
Versteckte Verbrauchsmaterialien (die man gern vergisst)
- Passende Nadel für Maschenware: Für T-Shirts/Sweat ist eine geeignete Spitze entscheidend.
- Stickvlies: Auf Maschenware ist ein stabiler Rücken wichtig.
- Hilfsmittel für sauberes Starten: z. B. zum Greifen von Fadenenden.
Checkliste vor dem Start
- Designgröße: Breite exakt 4 inches (oder dein Zielmaß).
- Unterfaden/Greiferbereich: Sauber, keine Fussel—Satin verzeiht wenig.
- Einspannung: Stoff im Stickrahmen straff, aber nicht verzogen.
Setup: Entscheidungslogik
Nutze diese Logik, bevor du „Start“ drückst.
1. Stoffart bestimmen:
- Stabil gewebt (z. B. Twill): Einspannen ist meist unkomplizierter.
- Maschenware (T-Shirt/Sweat): Stabilisierung und saubere Einspannung sind Pflicht.
- Entscheidung: Wenn du bei dicken Hoodies oder rutschigen Knits Probleme hast, gleichmäßig einzuspannen, ist eine Einspannstation für Stickmaschine in der Praxis oft der nächste Schritt—als „dritte Hand“ für reproduzierbare Platzierung.
2. Dichte einschätzen (Teddy = viele Satinflächen):
- Bei mehr Stückzahl: Einspann-Ermüdung führt zu Fehlern.
- Upgrade-Pfad: Viele steigen hier auf Magnetrahmen um, weil das Einspannen schneller und gleichmäßiger wird.
Warnung: Magnet-Sicherheit. Magnetrahmen sind sehr stark. Finger nicht zwischen Rahmenhälften bringen; Abstand zu medizinischen Implantaten einhalten.
Aussticken: Workflow von Bildschirm zur Maschine
Schritt für Schritt
- Backdrop & Maßstab: 4 inches, bei 6:1 arbeiten.
- Steil (Ohren): Breite wie im Tutorial (2.5 mm). Danach Auto Branching.
- Satin (Gesicht): Außen/innen nachzeichnen, Inclination Lines setzen.
- Classic Satin (Details): Punkt–Gegenpunkt.
- Schrift: Tools mischen. Das „D“ wird dupliziert; mit Shift beim Ziehen bleibt es exakt gerade ausgerichtet.
- Simulation/Redraw: Langsam abspielen und auf Trims/Sprünge achten.
Checkliste beim Sticken
- Fadenlauf: Oberfaden korrekt in der Spannung.
- Freigängigkeit: Stickrahmen stößt nirgends an.
- Stopp griffbereit: Gerade bei den ersten Stichen.
Qualitätskontrolle & Troubleshooting
Sichtprüfung
- Kanten: Satin-Kanten sollten ruhig und gleichmäßig wirken.
- Übergänge: Keine sichtbaren Travel Runs an Außenkanten.
Häufige Probleme & Lösungen
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache | Sofortmaßnahme | Dauerhafte Lösung |
|---|---|---|---|
| Unnötiger Trim | Start-/Stop-Punkte nicht optimal ausgerichtet. | In der Software den Stop-Punkt näher an den nächsten Startpunkt ziehen. | [FIG-16] Redraw prüfen und Pfadführung konsequent optimieren. |
| Sichtbarer Travel Run | Travel Run liegt zu nah an der Kante oder Stoff hat sich verschoben. | Travel Run in die Mitte der nächsten Satinfläche routen. | Stabilisierung/Einspannung verbessern; ggf. Stickrahmen für Stickmaschine mit besserem Halt nutzen. |
| Rahmenspuren | Reibung/ضغط durch klassische Rahmenringe. | Dampf/Schonbehandlung je nach Material. | Magnetrahmen reduzieren Druckstellen, weil sie gleichmäßiger klemmen. |
| Schlaufen/„Looping“ auf Satin | Zu lange Stiche oder Spannungs-/Fusselthema. | Prüfen, ob Auto Splice (7 mm) greift; Oberfadenspannung/Flusen kontrollieren. | Regelmäßig reinigen und vor Serienlauf Probestick machen. |
Ergebnis
Mit diesem Workflow wird aus einer flachen Vorlage eine sauber laufende, produktionstaugliche Stickdatei. Du nutzt:
- Steil für gleichmäßige Konturen.
- Satin für variable Breiten und organische Formen.
- Classic Satin für maximale Kontrolle in Kurven.
- Auto Branching für weniger Sprünge und Trims.

Dein Endprodukt ist nicht nur eine Datei—es ist eine Arbeitsanweisung für eine reale Maschine. Und wie immer gilt: Die Software ist der Bauplan, aber das Einspannen ist das Fundament. Wenn das Fundament arbeitet, wird jeder „versteckte“ Stich sichtbar. Investiere in Vorbereitung, teste immer ein Muster und skaliere dein Setup, wenn Wiederholgenauigkeit direkt Geld bedeutet (Stichwort hoopmaster Einspannstation).
