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Master Class: Perfekte freistehende Spitze (FSL) – Kleeblätter ohne Frust
Freestanding Lace (FSL) ist in der Maschinenstickerei die Königsdisziplin: Es gibt keinen Stoff als „Sicherheitsnetz“ – nur Faden, wasserlösliches Stickvlies und saubere Physik. Für Außenstehende wirkt es wie Zauberei; für Einsteiger endet es oft in Fadenknäueln und Verzug. Für Profis ist FSL dagegen ein reproduzierbarer Prozess – wenn Datei und Setup stimmen.
In dieser Master Class zerlegen wir den Workflow aus dem Video in klare, ausführbare Schritte: Wir nehmen eine einfache Kleeblatt-SVG, bauen daraus in My Lace Maker eine tragfähige Spitzenstruktur und sprechen anschließend über die Realität am Stickplatz – damit dir das Motiv nicht „weich“ wird, das Vlies nicht reißt und du später nicht an einer falsch gespeicherten Datei scheiterst.

Im Beispiel wird King Star Metallic Thread als Oberfaden verwendet, im Unterfaden ein normales Stickgarn (grün passend). Das ergibt einen sehr edlen, „schmuckartigen“ Look – Metallic ist aber empfindlicher (Reibung, Fadenlauf, Nadelöhr). Genau deshalb sind saubere Vorbereitung und ein stabiler Spitzenaufbau so wichtig.

Was du hier wirklich lernst (der „Struktur“-Ansatz)
Viele Tutorials zeigen nur, welche Buttons du klickst. Hier geht es zusätzlich um das Warum – damit du die Datei später sicher variieren kannst:
- Seitenverhältnis konsequent halten: Skalieren ohne Formverzug.
- Das „Triple“-Upgrade: Warum „Double“ in der Praxis oft zu wenig Stabilität bringt.
- Die „Digital-Master“-Strategie: Warum C2S dein editierbares Original sein muss.
- Produktions-Realität: Wie du wasserlösliches Stickvlies so straff einspannst, dass das Motiv nicht „wandert“.
Phase 1: Der digitale Bauplan (Software-Workflow)
Wir starten mit der Geometrie. Wenn die Struktur in der Software nicht stimmt, rettet dich später weder Vlies noch Maschine.

Schritt 1: Artwork importieren und Geometrie sichern
- Gehe zu File > Import Artwork.
- Wähle deine Vektordatei (z. B. shamrock.svg).
- Sichtkontrolle: Du siehst jetzt eine reine Form auf der Arbeitsfläche – noch keine Stiche. Behandle das wie eine technische Zeichnung, nicht wie ein fertiges Stickmotiv.

Schritt 2: Präzise skalieren
Im Video wird die SVG zunächst mit 3,69 Zoll importiert. Für das Zielmotiv wird auf 3,50 Zoll verkleinert.
- Öffne das Transform-Panel.
- Wichtig: Stelle sicher, dass Maintain Aspect Ratio aktiv ist (Schloss geschlossen), damit Breite/Höhe proportional bleiben.
- Setze die Width auf 3.50.
- Klicke Apply.


Profi-Hinweis: Mini-Verzug wird bei Spitze sofort sichtbar
Bei FSL reicht schon eine kleine Verzerrung, damit das Gitter ungleichmäßig „arbeitet“. Wenn Zellen nicht mehr gleichmäßig sind, verteilt sich die Stichspannung schlechter – das kann nach dem Auswaschen zu Kantenkräuseln oder einem „schiefen“ Gesamteindruck führen.
Schritt 3: In eine tragfähige Spitzenstruktur umwandeln
Jetzt wird aus der Vektorform eine konstruktive Stickstruktur.
- Markiere das Kleeblatt.
- Klicke das Icon Lace Grid and Border.


Was dabei passiert (kurz und praxisnah)
My Lace Maker erzeugt automatisch zwei Dinge: einen Rand (Border), der die Außenform stabil hält, und ein Gitter (Grid) als „Ersatz“ für Stoff. Dieses Gitter muss die Kräfte aus vielen tausend Stichen aufnehmen, ohne zu knicken oder auszuleiern.
Kritischer Punkt: Das „Triple“-Pattern als Stabilitäts-Upgrade
Das ist die wichtigste Qualitäts-Stellschraube im gezeigten Workflow. Das Standard-Pattern Double kann bei größeren Motiven oder bei empfindlicheren Garnen (z. B. Metallic) zu „labbriger“ Spitze führen.

- Öffne links das Properties-Panel.
- Suche das Dropdown Pattern.
- Stelle von Double auf Triple um.
- Pflicht-Schritt: Klicke Apply – erst dann wird die Änderung übernommen. Du solltest sehen, dass das Gitter am Bildschirm dichter/dunkler wirkt.


Warum „Triple“ in der Praxis hilft
„Triple“ bedeutet: Die Maschine läuft die Gitterlinien dreifach statt zweifach ab. Das erhöht die Steifigkeit und macht das Motiv griffiger.
- Vorteile: stabilere Spitze, sattere Optik.
- Nachteile: mehr Stiche, längere Laufzeit.
- Praxis-Fazit: Bei FSL ist Stabilität wichtiger als Geschwindigkeit.
Phase 2: Die physische Realität (Vorbereitung & Sicherheit)
Bevor du exportierst, lohnt sich ein kurzer Realitätscheck: FSL scheitert in der Praxis häufiger am Setup als an der Software.
Versteckte Verbrauchsmaterialien & „Pre-Flight“-Tools
- Nadel: Im Video wird keine Nadel genannt – bei Metallic-Garn ist in der Praxis ein größeres Öhr hilfreich (z. B. Metallic-/Topstitch-Variante in passender Stärke), um Reibung zu reduzieren.
- Stickvlies: Für FSL wird wasserlösliches Stickvlies benötigt (WSS). Entscheidend ist: straff einspannen, damit das Gitter nicht verzieht.
- Pinzette/Schere: Sauberes Trimmen vor dem Auswaschen verhindert, dass Fäden beim Spülen „mitziehen“.
Warnhinweis: Magnetkraft
Wenn du für FSL mit Magnetrahmen arbeitest: Starke Magnete können Haut einklemmen. Finger nie zwischen die Ringe bringen.
Entscheidungslogik: Stabilisierung & Workflow
- Einzelstück oder Serie?
- Einzelstück: Klassischer Stickrahmen funktioniert – wenn das Vlies wirklich straff sitzt.
- Serie: Eine Magnetische Einspannstation kann den Ablauf konstanter machen, weil du das Einspannen wiederholbarer hinbekommst.
- Garnwahl (aus dem Video abgeleitet): Metallic als Oberfaden
- Metallic reagiert empfindlicher auf Reibung. Wenn du Fadenrisse bekommst, ist „langsamer“ oft die schnellste Lösung.
Phase 3: Export – der „Digital Master“

Schritt 5: Die „zweimal speichern“-Regel
Im Video wird das ausdrücklich betont – und es ist einer der wichtigsten Profi-Grundsätze.
- Als C2S speichern (für spätere Änderungen): File > Save As und .C2S wählen. Das ist deine editierbare Master-Datei.
- Als PES speichern (für die Maschine): File > Save As Type und das Maschinenformat wählen (im Beispiel Baby Lock/Brother/Bernina (*.pes)).

Warnung: Skalierungsfalle
Wenn du später die Größe ändern willst: Nicht die PES-Datei „irgendwie“ skalieren, sondern die C2S öffnen und dort neu berechnen lassen. Genau dafür ist die C2S da.
Phase 4: Einspannen & Sticken (Ausführung)
Die Datei ist fertig – jetzt zählt: Null Bewegung im Vlies.
Die Einspann-Herausforderung bei FSL
Wasserlösliches Stickvlies muss sehr straff sitzen. Wenn du darauf tippst, sollte es sich „trommelig“ anfühlen – nicht weich oder nachgiebig.
Viele setzen dafür auf Magnetrahmen für Stickmaschine, weil sich das Vlies schnell glatt ziehen lässt und dann gleichmäßig geklemmt wird.
- Hinweis zur Suche/Kompatibilität: Begriffe wie dime Magnetrahmen für brother tauchen häufig auf, wenn Anwender passende Rahmen für Maschinen/Erkennungssysteme suchen.
Setup-Checkliste: Startklar
- Vlies-Spannung: straff, keine Wellen.
- Rahmensitz: Rahmen sicher verriegelt, kein Spiel.
- Garnlauf: Metallic läuft frei ab (keine unnötige Reibung an Kanten/Führungen).
Stickbetrieb: Woran du Probleme früh erkennst

- Hören: Gleichmäßiger Lauf ist gut. Auffällige „Schläge“ können auf Fadenriss/Anschlag hindeuten.
- Sehen: Kontrolliere die Rückseite: Bei FSL darf die Spannung nicht „aus dem Ruder“ laufen, sonst werden Stege schwach.
Wenn du mit einem dime Snap Hoop Magnetrahmen oder einem ähnlichen Magnet-System arbeitest, prüfe zusätzlich, dass der Rahmen während der Bewegung nicht verrutscht.

Nach dem Lauf: Kurz-Check
- Fertig ohne Fadenknäuel.
- Trimmen: Sprungstiche vor dem Auswaschen entfernen.
- Auswaschen: Wasser löst das Vlies; danach gut trocknen lassen.
Phase 5: Troubleshooting (Symptom → Diagnose → Lösung)
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache | Sofortmaßnahme | Vorbeugung |
|---|---|---|---|
| Spitze reißt / Löcher / fällt auseinander | Gitter zu „leicht“ (z. B. Double) | Neu sticken | In der Datei auf Triple stellen und Apply klicken |
| Form ist verzogen | Vlies war nicht straff genug / hat sich bewegt | Neu einspannen und neu sticken | Vlies straffer einspannen; gleichmäßige Klemmung (z. B. dime Magnetrahmen) |
| Späteres Verkleinern/Vergrößern sieht schlecht aus | Mit PES statt mit C2S skaliert | Zurück zur Master-Datei | Immer C2S als „Digital Master“ sichern |
Upgrade-Pfad: Vom Hobby-Workflow zur reproduzierbaren Produktion
Wenn du viele Motive am Stück machst, zählen Wiederholbarkeit und Geschwindigkeit im Einspannen.
- Engpass: Einspannen kostet Zeit.
- Ansatz: Magnetrahmen-Workflow (z. B. dime Stickrahmen / dime Stickrahmen) kann das Handling vereinfachen.
- Engpass: Stillstand durch Umfädeln.
Mehrnadelstickmaschinen reduzieren Unterbrechungen – besonders, wenn du mehrere Farben oder wiederholt Metallic einsetzen willst.
Wenn du zuerst die Datei stabil konstruierst (Grid/Border + Triple) und danach das Vlies konsequent straff einspannst, wird FSL planbar statt Glücksspiel. Jetzt auswaschen – und prüfen, ob dein Kleeblatt sauber „steht“.
