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Einführung: Digitalisieren direkt am Maschinenbildschirm
Wenn du eine leistungsstarke Maschine wie die Brother Stellaire oder Luminaire besitzt, hast du im Grunde bereits einen „Mini-Digitalisierer“ an der Maschine. Viele möchten professionelle Badges/Patches, Anhänger oder einfache Applikationen erstellen – aber PC-Software ist teuer und die Lernkurve beim Digitalisieren wirkt abschreckend.
Dieser Workflow ist die Brücke zwischen „Anwender:in“ und „Ersteller:in“: Du baust die Datei direkt am Touchscreen auf und lässt den Computer komplett außen vor. Entscheidend ist dabei eine klare Stacking-Logik (Lagenaufbau): Du konstruierst die Datei Schritt für Schritt so, dass die Kanten sauber werden und die Passung stimmt.

Das beherrschst du nach dieser Anleitung:
- Logik der Lagen: Einen 4-Lagen-Applikationsaufbau am Bildschirm erstellen (Platzierung -> Fixierung -> Rückseiten-Fixierung -> Satin).
- Regel zur Stichfolge: Warum dein Badge scheitert, wenn du die +/- Sortierung nicht korrekt nutzt.
- Koordinaten-Präzision: Wie du mit „Center/Center“ arbeitest, statt die Position „nach Gefühl“ zu schieben.
- Produktionssicherheit: Ein praxistauglicher Einspann-Workflow, um Rahmenspuren und Materialverschiebung zu reduzieren.

Badge-Funktion vs. manuelles Erstellen
Zuerst zur eingebauten „Badge“-Funktion (das Schild-Icon). Für schnelle Hobby-Projekte ist sie bequem – für saubere Patches hat sie aber eine typische Schwachstelle: die Stichfolge.
Viele Standardfunktionen sticken das Hauptmotiv vor dem Applikations-Unterbau. Das ist ein echtes Praxisproblem: Wenn du ein dichtes Motiv auf Material stickst, das noch nicht sauber fixiert ist, zieht es sich zusammen. Dann landet der spätere Rand nicht mehr sauber auf Stoff, sondern teilweise „in der Luft“.

Das Anker-Prinzip: Stichfolge entscheidet
Für ein Ergebnis auf „Werkstatt-/Shop-Niveau“ muss die Maschine logisch arbeiten: erst Fundament, dann Dekoration.
Auf dem Stellaire/Luminaire-Bildschirm nutzt du die Prioritätssteuerung (die +/- Tasten), um die Applikations-Schritte in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Profi-Merksatz: Wenn dich die Lagenliste am Anfang überfordert: Denk an einen Sandwich-Aufbau. Ohne „Brot“ hält nichts. Dieses Projekt trainiert genau dieses digitale „Zusammenbauen“.
Wenn du Badges in Serien machen willst (z. B. 50 Stück für einen Verein), wird Wiederholgenauigkeit zum Engpass. Beim Einspannen kann sich sonst von Teil zu Teil eine kleine Abweichung einschleichen („Drift“). In der Praxis hilft hier oft eine Einspannstation für Stickrahmen, weil sie das Material mechanisch immer in die gleiche Position bringt und so die Produktion standardisiert.
Schritt 1: Platzierungslinie erstellen
Die erste Lage ist dein Bauplan: ein einfacher Laufstich, der direkt auf das Stickvlies gestickt wird. Er berührt den Stoff noch nicht – er zeigt dir nur, wo der Stoff liegen muss.

Workflow am Bildschirm
- Öffne das Formen-Menü (geometrische Grundformen).
- Wähle einen Kreis.
- Wichtig: Stichart auf Single Run / Geradstich (Laufstich) stellen (noch kein Satin, keine Füllung).
- Set drücken.


Warum das wichtig ist (dein „Nullpunkt“)
Platziere Stoff nie „Pi mal Daumen“. Die Platzierungslinie ist deine physische Referenz. Wenn dein Stoff diese Linie nicht vollständig abdeckt, wird der Badge später an der Kante unsauber.
Erfolgskriterium: Du siehst einen dünnen, durchgehenden Kreis auf dem Stickvlies. Wenn der Faden locker liegt oder Schlingen bildet, prüfe zuerst die Oberfadenspannung, bevor du weiterarbeitest.
Schritt 2: Fixiernaht (Tack-down) hinzufügen
Die zweite Lage ist geometrisch identisch zur ersten – aber funktional anders. Das ist dein Anker: Er fixiert den Vorderstoff auf dem Stickvlies, damit du anschließend sauber zurückschneiden kannst.

Profi-Methode „Duplizieren & Zentrieren“
- Zeichne keinen neuen Kreis „per Hand“.
- Wähle den ersten Kreis und nutze Edit → Duplicate/Copy.
- Goldene Regel: Direkt danach Move → Center.


Ausrichtungs-Prinzip
Wenn du den zweiten Kreis mit dem Finger passend schiebst, ist das in der Praxis zu ungenau. Mit Center stellst du sicher, dass die Koordinaten identisch sind (gleiche Mitte = gleiche Passung).
Hinweis zum Einspannen: Wenn du mit normalen brother stellaire Stickrahmen arbeitest, sollte das Stickvlies straff sitzen, der Stoff aber nicht gedehnt werden. Zu starkes Dehnen beim Einspannen führt später zu Rückzug/Wellen.
Erwartetes Ergebnis: In der Stichfolge erscheint ein weiterer Schritt (oft mit Farbwechsel/Stop), damit du den Stoff auflegen und fixieren lassen kannst.
Schritt 3: Rückseitenstoff sichern
Dieser Schritt macht aus „selbstgemacht“ ein „sauber verarbeitet“: Ein professioneller Badge sieht hinten ordentlich aus. Dafür kommt eine Rückseite vor dem finalen Satinstich dazu.

Die „Sandwich“-Logik
Die Reihenfolge muss sein:
- Platzierung (auf Stickvlies)
- Vorderseiten-Fixierung (Vorderstoff fixieren -> Maschine stoppt -> du schneidest zurück)
- Rückseiten-Fixierung (Rückseitenstoff anlegen -> fixieren -> Maschine stoppt -> du schneidest zurück)
- Satinstich-Rand (Kante versiegeln)
Profi-Hinweis: Wenn Lagen „kriechen“
Mit Stickvlies + Vorderstoff + Rückseitenstoff muss der innere Ring im Stickrahmen viel Material halten. Das kann zu Rahmenabdrücken (glänzende Druckstellen) oder zu minimaler Verschiebung führen.
Upgrade-Pfad aus der Praxis: Wenn du bei dickeren Lagen ständig kämpfst, den Rahmen zu schließen, oder wenn das Festziehen anstrengend wird, ist das oft der Punkt für ein Upgrade. Ein Magnetrahmen für brother luminaire klemmt das Material mit Magnetkraft gleichmäßig nach unten, statt es seitlich zu ziehen – das reduziert Rahmenabdrücke und hält dicke „Sandwich“-Aufbauten stabil.
Schritt 4: Finalen Satinstich-Rand erstellen
Die letzte Lage ist dein Rahmen: Sie deckt die Schnittkanten ab und versiegelt das Sandwich.

Workflow am Bildschirm
- Add drücken.
- Wieder den Kreis wählen.
- Stichart auf Satin Stitch (Zickzack-Icon) stellen.
- Set drücken und Move → Center.

Satin-Qualitätscheck
Ein guter Satinstich wirkt wie eine „glatte Raupe“.
- Zu locker: Stoff scheint durch (Dichte erhöhen).
- Zu fest: Badge wölbt sich/curlt (Dichte reduzieren oder Fadenspannung anpassen).
Kritischer Tipp: Lagen konsequent zentrieren
Die Anleitung betont das Center-Werkzeug – das ist nicht optional.

Ausrichtungssystem
- Nach jedem Add oder Set: Center drücken.
- In der Lagenansicht solltest du drei dünne Linien und eine dickere (Satin) sehen.

Für Shops mit Wiederholaufträgen gilt: Bildschirm-Genauigkeit ist gut – physische Wiederholbarkeit ist besser. Eine Einspannstation für Maschinenstickerei hilft, Textilien/Material immer an der gleichen Stelle einzuspannen und reduziert den „menschlichen Faktor“.
Grundlagen
Dieses Projekt ist „Intermediate“: Du musst die Logik der Maschine verstehen, nicht nur „Start“ drücken.
Praxisdaten aus dem Video:
- Designgröße: ca. 2.21" x 2.22" (Standard-Badge).
- Geschwindigkeit: Im Video sind 800 SPM (Stiche pro Minute) zu sehen.
- Hinweis für Einsteiger:innen: Wenn es dein erstes Mal ist, reduziere die Geschwindigkeit auf 600 SPM. Höhere Geschwindigkeit erhöht Vibrationen und kann bei Applikationslagen zu minimaler Verschiebung führen.
Warnung: Mechanische Sicherheit. Stickmaschinen bewegen sich schnell und teils unvorhersehbar. Halte Finger, Haare, Schmuck und Kordeln nicht nur von der Nadel, sondern auch vom bewegten Stickarm fern. Greife nie in den Rahmenbereich, solange „Start“ aktiv ist.
Vorbereitung
Erfolg ist zu einem großen Teil Vorbereitung. „Start“ ist nur die Bestätigung, dass alles stimmt.
Grundausstattung
- Stickvlies: Mesh/Cutaway ist für Badges oft sinnvoll, um Verzug zu reduzieren.
- Stoffe: Vorderseite (z. B. Twill/Filz) und Rückseite (passende Farbe).
- Fixierung: Temporäres Sprühzeitkleber oder Malerkrepp.
Versteckte Verbrauchsteile (die „Oh nein“-Liste)
- Gebogene Applikationsschere: Zum bündigen Zurückschneiden ohne die Naht zu verletzen.
- Frische Nadel: Für sauberes Durchstechen durch mehrere Lagen.
- Unterfaden: Spule ausreichend füllen – ein Unterfadenende mitten im Satinstich erzeugt eine sichtbare Ansatzstelle.
Workflow-Upgrade: Bei Serienfertigung werden Standardrahmen schnell zum Flaschenhals. Nach vielen Teilen ermüden Hände/Handgelenke beim Einspannen. Der Wechsel auf Magnetrahmen für brother luminaire-Rahmen kann die Einspannzeit pro Teil spürbar reduzieren und entlastet die Hand.
Checkliste vor dem Start (Pre-Flight)
- Rahmen-Check: Innenring sitzt fest, Schraube sicher (oder Magnete vollständig eingerastet).
- Nadel-Check: Nadel gerade und scharf.
- Unterfaden-Check: Spule voll eingesetzt, Fadenende kurz.
- Freigang-Check: Stickarm hat freie Bahn.
- Lagenplan: Klar, welcher Stoff „Vorne“ und welcher „Hinten“ ist.
Setup
Das ist deine digitale Montagelinie. Halte die Reihenfolge strikt ein.
Ausführung am Bildschirm
- Lage 1: Kreis -> Laufstich -> Set -> Center.
- Lage 2: Lage 1 duplizieren -> Center.
- Lage 3: Lage 1 duplizieren -> Center (Rückseiten-Fixierung).
- Lage 4: Kreis hinzufügen -> Satinstich -> Center.
Entscheidungshilfe: Material sinnvoll wählen
| Materialzustand | Stickvlies-Wahl | Einspann-Strategie |
|---|---|---|
| Stabil (Filz/Canvas) | Tear-away (Heavy) | Standardrahmen oder Magnetrahmen |
| Instabil (T-Shirt/Strick) | Cut-away (Mesh) | Möglichst „floaten“ oder Magnetrahmen nutzen, um Dehnung zu vermeiden |
| Hoher Flor (Frottee/Fleece) | Cut-away + Solvy Topper | Magnetrahmen (hilft, den Flor weniger zu quetschen) |
| Serienfertigung (50+) | vorgeschnittene Bögen | hoopmaster Einspannstation für Wiederholgenauigkeit |
Warnung: Magnet-Gefahr. Magnetrahmen nutzen sehr starke Magnete. Quetschgefahr für Finger. Nicht verwenden bei Herzschrittmacher. Abstand zu Karten/Telefonen und empfindlicher Elektronik halten.
Ausführung
Jetzt kommt die Praxis am Rahmen. Achte auf die Maschine: Ein gleichmäßiger Rhythmus ist gut; ungewohnte Geräusche bedeuten: stoppen und prüfen.

Stickzyklus
- Platzierung (Stich 1): Maschine stickt die Orientierungslinie.
- STOP: Vorderstoff auflegen.
- Vorderseiten-Fixierung (Stich 2): Stoff wird festgesteppt.
- STOP & ZURÜCKSCHNEIDEN: Rahmen abnehmen (nicht ausspannen). Vorderstoff dicht an Stich 2 zurückschneiden.
- Tast-Check: Mit dem Finger über die Kante fahren – fühlst du eine „Stufe“, schneide noch näher.
- Rückseite: Rückseitenstoff mit Sprühzeitkleber oder Tape an der Unterseite des Rahmens fixieren.
- Rückseiten-Fixierung (Stich 3): Rückseitenstoff wird festgesteppt.
- STOP & ZURÜCKSCHNEIDEN: Rückseitenstoff von unten bündig zurückschneiden.
- Satinstich-Rand (Stich 4): Abschluss.
QC-Checkliste (Qualität)
- Kanten-Check: Keine Rohkante zwischen Satinrand und Stoff sichtbar.
- Rückseiten-Check: Rückseitenstoff sauber gefasst (keine losen Laschen).
- Haptik-Check: Badge fühlt sich stabil an.
- Passungs-Check: Kreise sind konzentrisch (sichtbar zentriert).
Produktionstipp: Wenn dir beim Rückseiten-Schritt Lagen wegrutschen, passiert das bei Standardrahmen leichter. Ein kompatibler Magnetrahmen 5x7 für brother hält den Aufbau flacher und reduziert dieses Verrutschen.
Qualitätskontrollen
Diese Sichtprüfungen helfen dir beim schnellen Diagnostizieren:
- Checkpoint A (Platzierung): Ist der Kreis wirklich rund? Wenn er oval wirkt, ist beim Einspannen in eine Richtung zu viel Zug.
- Checkpoint B (Trimmen): Gibt es „Härchen“/Fransen? Was hier stehen bleibt, drückt später durch den Satin.
- Checkpoint C (Satin): Wirkt die Kante ausgefranst? Nadel prüfen/wechseln – eine stumpfe Nadel beschädigt das Material und verschlechtert die Satinkante.
Troubleshooting
Wenn etwas schiefgeht: ruhig bleiben und systematisch prüfen.
Symptom 1: „Das Motiv wurde vor dem Badge-Unterbau gestickt“
- Ursache: Stichfolge falsch – die Schritte wurden nicht mit
+/-umsortiert.
Move -> Thread Priority (oder +/-) drücken, bis das Motiv am Ende der Liste steht.Symptom 2: „Der Satinrand ist nicht zentriert (Spalt)“
- Ursache: „Drift“ – entweder am Bildschirm versehentlich verschoben oder Material im Rahmen minimal gewandert.
- Fix am Bildschirm: Für jede Lage Move → Center nutzen.
- Fix im Rahmen: Prüfen, ob Material „flaggt“ (hochschwingt). Das ist ein häufiger Grund, warum Betriebe auf einen Magnetrahmen für brother luminaire-kompatiblen Rahmen wechseln – er klemmt gleichmäßiger über das Feld.
Symptom 3: „Weißer Unterfaden scheint oben durch“
- Ursache: Unterfadenspannung zu locker oder Oberfadenspannung zu fest.
Ergebnis
Wenn du diesen Ablauf einhältst, hast du aus einem Stück Stoff ein sauberes, professionell wirkendes Applikations-Badge erstellt – ohne PC und ohne externe Digitalisierungssoftware.
Die wichtigsten Takeaways:
- Stichfolge kontrollieren: Erst Unterbau, dann Details.
- Der Mathematik vertrauen: Immer zentrieren.
- Sandwich respektieren: Jede Lage muss fixiert sein, bevor der Satinstich kommt.
Wenn du von einem Badge auf hundert gehst, wird Konsistenz zur größten Herausforderung. Ein sauberer Einspannprozess und passende Rahmen (inkl. Magnetrahmen) sind oft der Unterschied zwischen „irgendwie passend“ und reproduzierbar perfekten Serien.
