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Der definitive Leitfaden für In-The-Hoop (ITH): Digitalisieren & sauber umsetzen
In-the-hoop (ITH) ist das, was in der Maschinenstickerei am ehesten an „Magie“ herankommt: Wenn alles stimmt, stickt die Maschine ein komplett fertiges, sauber geschlossenes Teil – ohne dass du zwischendurch an die Nähmaschine musst.
Gleichzeitig ist ITH aber auch „Erfahrungswissenschaft“. Du musst wie ein Techniker denken: Du platzierst nicht nur Objekte am Bildschirm, du programmierst eine Abfolge realer Arbeitsschritte mit Stoff, Volumenvlies/Watte, Stickvlies – und gezielten Stopps, damit du eingreifen kannst.
In diesem Leitfaden zerlegen wir den Workflow zum Digitalisieren eines Monogramm-Mug-Rugs (Untersetzer im Umschlag-/Envelope-Stil). Wir bleiben nicht bei Software-Klicks stehen, sondern ergänzen Praxis-Checkpoints, typische Stolperstellen und produktionsnahe Hinweise, damit dein erster Probestick nicht zur Materialvernichtung wird.

Ziel & die Herausforderung „dickes Sandwich“
Du digitalisierst ein quadratisches Mug Rug in Standardgröße (6,5 x 6,5 inches) mit einer inneren dekorativen Bordüre (5,7 inches).
Realitätscheck: Die Datei ist 2D – dein Aufbau ist 3D. Spätestens beim finalen Verschließen muss die Nadel durch Stickvlies, Watte/Volumenvlies, Applikationsstoff und zwei Lagen Rückseitenstoff.
- Typische Unsicherheit: Gerade am Anfang irritiert das „dumpfere“ Geräusch, wenn die Maschine durch dicke Lagen sticht – viele zögern dann, oder greifen zu früh in den Rahmenbereich.
- Was wirklich hilft: Sequenzkontrolle (wann stoppt die Maschine?) und Einspann-Physik (wie stabil liegt das Sandwich im Stickrahmen?).
Wenn du diese Mug Rugs in Serie machen willst (z. B. 50 Stück für einen Markt), werden klassische Schraubrahmen schnell zum Engpass. Genau hier werden Begriffe wie Magnetrahmen für Stickmaschine praktisch: Magnetrahmen klemmen dicke ITH-Sandwiches schnell und gleichmäßig – ohne übermäßiges Anziehen, das Rahmenspuren/Rahmenabdrücke begünstigt oder Ecken verzieht (bei geometrischen Projekten sofort sichtbar).
Warnung (Mechanische Sicherheit): Bei ITH greifst du zum Platzieren von Stoffen in den Rahmenbereich. Finger, Haare und weite Ärmel müssen vor dem Start klar außerhalb der Gefahrenzone sein. Eine schnell laufende Nadel verzeiht nichts.
Schritt 1: Fundament – Platzierungslinie & Fixiernaht (Tack-Down)
Denk an diesen Schritt wie an einen Bauplan, der direkt auf dein Stickvlies „gezeichnet“ wird.

1.1 Platzierungslinie sauber konstruieren
Die Platzierungslinie ist deine optische Referenz: Sie zeigt dir exakt, wo Watte/Volumenvlies und Grundstoff liegen müssen.
Workflow (Hatch / universelle Logik):
- Werkzeug wählen: Rechteck-/Quadrat-Tool zum Digitalisieren.
- Seitenverhältnis entsperren: Damit du X- und Y-Werte exakt eingeben kannst.
- Maße eingeben: Breite 6,5 und Höhe 6,5 inches.
- Stichart: „Single Run“/Geradstichlauf.
- Praxis-Hinweis: Im Video wird die Linie als einfacher Laufstich angelegt. Das ist ideal, weil sie schnell stickt und als Orientierung gut sichtbar ist.



Erfolgsmerkmal: In der Objekt-/Sequenzliste siehst du genau ein Quadrat als einfache Kontur.
1.2 Tack-Down: Die Maschine gezielt zum Stoppen bringen
Die Maschine stoppt nur dann zuverlässig, wenn du es in der Datei erzwingst. In der Sticklogik gilt: Farbwechsel = Stopp.
- Duplizieren: Platzierungsquadrat kopieren (Ctrl+C / Ctrl+V).
- Farbwechsel setzen: Dem Duplikat eine andere Farbe geben (z. B. Grün → Rot), damit ein Stopp entsteht.
- Optional verstärken: Im Video wird gezeigt, dass man „Backtrack“ nutzen kann, um eine Naht doppelt zu nähen. Für normale Baumwolle reicht oft ein Lauf. Bei voluminöser Watte kann ein doppelter Lauf helfen, den Aufbau besser zu „setzen“.
Checkpoint: Deine Sequenz muss klar zeigen: Quadrat 1 (Farbe A) → STOPP → Quadrat 2 (Farbe B).
1.3 Absolut zentrieren (0,0) – damit Passung stimmt
Faustregel: Zentriere dein Design im Programm auf (0,0). Wenn du im Workflow auf die mechanische Mitte beim Einspannen für Stickmaschine setzt, ist das die stabilste Referenz, um gleichmäßige Abstände zu bekommen. Schon wenige Millimeter Versatz wirken bei einem Quadrat „schief“.
Schritt 2: Komplexe Geometrie – Monogramm & Applikationsrahmen
Dieser Abschnitt verwirrt Einsteiger oft, weil „Applikation“ eigentlich ein Ablauf ist (Platzieren → Fixieren → Schneiden → Abdecken) – und nicht nur „ein Objekt“.

2.1 Rahmen-Elemente kontrollieren: „Break Apart“ statt „Ungroup“
Wenn du einen dekorativen Rahmen aus einer Bibliothek nutzt, kann die Reihenfolge/Objektstruktur unpraktisch sein.
- Lösung: Break Apart.
- „Ungroup“ ist bei komplexen Objekten häufig ausgegraut.
- „Break Apart“ zerlegt das Element so, dass du einzelne Teile sauber anfassen und in der Sequenz neu ordnen kannst.

2.2 Umwandlung in Applikation (Hatch-spezifisch)
- Aktion: Satinstich-Rahmen auswählen.
- Befehl: Convert to Applique anklicken.
- Kontrolle: Hatch erzeugt automatisch die typischen Applikationsläufe (Platzierung/Guide Run, Schneidelinie, Fixiernaht).

Wichtiger Hinweis: Laut Video funktioniert diese Automatik in der Regel nur mit nativen Dateien (z. B. .EMB). Bei reinen Stichdateien (z. B. .PES/.DST) „sieht“ die Software oft nur Stichkoordinaten statt editierbarer Formen.
2.3 Visuelle Ordnung: Farben als Produktionshilfe
Praxis-Tipp: Nutze im Programm bewusst kontrastreiche Farben (z. B. Neon-Grün für Platzierung), auch wenn du später in Weiß stickst. Das reduziert Sequenzfehler, weil du Stopps und Arbeitsschritte schneller erkennst.
Hinweis zur Maschinen-Geschwindigkeit (aus der Praxisfrage)
In den Kommentaren kam die Frage auf, ob man beim Digitalisieren die Stickgeschwindigkeit beeinflussen kann.
- Antwort aus dem Video: Die Software steuert vor allem Dichte und Stichweg – die Maschine regelt die Geschwindigkeit dort, wo es für saubere Stiche nötig ist (sie wird bei Bedarf automatisch langsamer).
- Praxis-Konsequenz: Du musst in der Datei in der Regel nichts „runterregeln“, wenn die Maschine bereits selbständig an kritischen Stellen reduziert.
Schritt 3: Dekor – der „Value Add“
Hier wird aus einem einfachen Untersetzer ein Geschenkprodukt.
3.1 Logik der inneren Bordüre
- Quadrat erstellen: Neues Quadrat mit 5,7 x 5,7 inches.
- Zentrieren: Auf (0,0) setzen.
- Stichart wählen: Motiv-/Motif-Run (im Video z. B. Varianten wie Cross 02; alternativ Candlewicking).

Warum Abstand wichtig ist: Die Bordüre bleibt bewusst innerhalb der Außenkante. Bei einem Standard-Stickrahmen ist die Spannung nicht überall identisch – je näher du an die Außenkante kommst, desto eher sieht man minimale Verzüge. Innen platziert bleibt die Bordüre optisch ruhiger.
Schritt 4: Finale – Umschlag-Rückseite (Envelope) sauber verschließen
Das ist der „Make-or-break“-Moment: Hier wird die Rückseite geschlossen.
4.1 Verschlussnaht richtig sequenzieren
- Duplizieren: Das äußere 6,5"-Quadrat erneut kopieren.
- Ans Ende schieben: In der Sequenz ganz nach unten/zuletzt.
- Minimal verkleinern: Auf 6,48 inches.
- Warum? Du nähst minimal innerhalb der ursprünglichen Platzierungslinie. So verschwinden Referenzstiche später sauber in der Nahtzugabe.
4.2 Verstärken
Aktiviere Backtrack (oder eine vergleichbare Verstärkung). Beim Wenden/Belasten ist diese Naht die „Arbeitsnaht“ – ein einfacher Lauf kann eher nachgeben als eine verstärkte Naht.
Warnung (Magnet-Sicherheit): Wenn du für dicke Lagen auf Magnetrahmen umsteigst: Das sind starke Magnete. Von Herzschrittmachern fernhalten und nicht unkontrolliert zusammenschnappen lassen (Quetschgefahr).
Skalierung für die Praxis
Wenn es einmal funktioniert – wie wird es reproduzierbar?
- Level 1 (Hobby): Standardrahmen – funktioniert, kostet aber Zeit und Handkraft bei dicken Sandwiches.
- Level 2 (Workflow): Magnetische Einspannstation bzw. eine magnetische Lösung/Vorrichtung, um schneller und konsistenter vorzubereiten.
- Level 3 (Produktion): Mehrnadelstickmaschine: Farben sind vorbereitet, du greifst hauptsächlich zum Platzieren/Trimmen – nicht zum ständigen Umfädeln.
Software-Übersetzung: So findest du die Tools in anderen Programmen
Die Logik (Platzieren → Fixieren → Dekor → Schließen) ist universell. Hier findest du die Werkzeuge je nach Software.






- PE Design 10/11: Rahmen/Elemente unter
Design Library>Monogram Decorations. Wenn es sich „nach Raketenwissenschaft“ anfühlt: Ignoriere Assistenten und baue die Quadrate Schritt für Schritt mit den Formwerkzeugen. - Embrilliance StitchArtist: Formen über das Dropdown
Outlines. Wichtig: Eine Linie ist dort zunächst nur ein Vektor – erst mit zugewiesener Stichart wird daraus ein Stickobjekt. - Embird (Studio): Formen über
Point Mode/Punktmodus anlegen. Lettering wird als einzelne Objekte gehandhabt – praktisch, wenn du Abstände/Anordnung sehr gezielt steuern willst.
Entscheidungsbaum: Stickvlies & Einspann-Strategie
Nutze diese Logik, bevor du den ersten Stoff zuschneidest.
Q1: Ist dein Aufbau „Standard“ (Baumwolle + flache Watte)?
- JA: Reißvlies ist oft angenehm, weil es sich innen gut entfernen lässt.
- NEIN: Weiter zu Q2.
Q2: Ist dein Material dehnbar (Jersey) oder locker gewebt?
- JA: Schneidvlies oder ein passendes Mesh-Produkt, damit das Quadrat beim Sticken nicht „zieht“.
- NEIN: Weiter zu Q3.
Q3: Produzierst du in Menge (10+ Stück)?
- JA: Eine Einspannstation für Stickmaschinen oder ein Magnetrahmen hilft bei gleichmäßiger Spannung und Wiederholgenauigkeit.
- NEIN: Standardrahmen ist in Ordnung.
Phase 1: Vorbereitung (Pre-Flight-Check)
ITH verzeiht schlechte Vorbereitung kaum – eine verknitterte Rückseite lässt sich im laufenden Prozess nur schwer retten.
Versteckte Verbrauchsmaterialien
Neben Garn und Stoff sind in der Praxis hilfreich:
- Nadel: Eine kräftigere Nadel wird bei dicken Lagen oft als angenehmer empfunden (im Draft z. B. 90/14). Wichtig ist vor allem: frisch und passend zum Aufbau.
- Applikationsschere/gebogene Schere: Für sauberes Zurückschneiden nah an der Fixiernaht.
- Klebeband (Malerband): Um die Rückseitenlage beim Umschlag-Schritt zu sichern, damit nichts in den Stichweg klappt.
Ausrichtung reproduzierbar machen
Wenn du mit einer hoopmaster-Lösung oder einer ähnlichen Vorrichtung arbeitest: Einmal sauber einrichten und dann nicht „nebenbei“ verstellen – das ist der Schlüssel zu gleichmäßigen Ergebnissen.
Prep-Checkliste
- Design-Check: Außen 6,5", innen 5,7", Verschluss 6,48".
- Stopps: Farbwechsel zwischen allen physischen Arbeitsschritten vorhanden.
- Nadel: Frische Nadel eingesetzt.
- Unterfaden: Unterfadenspule ausreichend gefüllt (ein leerer Unterfaden mitten im Tack-Down ist ein Klassiker).
Phase 2: Setup (Das digitale Rückgrat)
Lies deine Sequenz wie eine Geschichte:
- Layer 1: Referenz (Platzierung).
- Layer 2: Fixierung (Tack-Down).
- Layer 3: Gestaltung (Applikation & Dekor).
- Layer 4: Verschluss (Closure).
Setup-Checkliste
- Zentrierung: Design auf (0,0) ausgerichtet.
- Gruppierung/Sequenz: Gleichfarbiges zusammenfassen – außer dort, wo ein Stopp zwingend gebraucht wird.
- Praxis-Check: Sequenz so angeordnet, dass du Stoffe/Applikation genau dann platzierst, wenn die Maschine stoppt.
Phase 3: Ausführung (ITH in der Praxis)
Jetzt zählt sauberes Arbeiten an den Stopps.
Schritt-für-Schritt-Logik
- Platzierung: Maschine stickt das Quadrat (leichter, schneller Lauf).
- Dein Schritt: Rahmenbereich öffnen, Watte und Stoff auflegen, glattstreichen.
- Tack-Down: Quadrat fixiert den Aufbau (Geräusch wird „dumpfer“ durch Watte).
- Applikation: Applikationsstoff platzieren → fixieren → zurückschneiden.
- Umschlag-Rückseite: Rückseitenstoff wie im ITH-Coaster-Workflow gefaltet auflegen, leicht überlappen lassen und sichern.
- Finaler Verschluss: Letztes Quadrat (mit Backtrack) schließt alles.
Ausführungs-Checkliste
- Hände frei: Vor jedem Start Hände aus dem Rahmenbereich.
- Tape-Check: Klebeband liegt nicht im Stichweg.
- Richtige Stofflage: Rückseitenstoff korrekt für den Umschlag-Schritt positioniert.
Qualitätscheck & Troubleshooting
Prüfe dein erstes Teststück sofort – dann ist die Ursache noch „frisch“.
1. Ecken wirken rund/unscharf.
- Ursache: Zug/Verzug durch Spannung oder dicken Aufbau.
2. Unterfaden kommt oben hoch.
- Ursache: Oberfadenspannung zu hoch oder Sandwich sehr dick.
3. „Ungroup“ ist ausgegraut.
- Ursache: Komplexes Objekt.
4. Versatz/Misalignment im Quadrat.
- Ursache: Stickrahmen/Sandwich hat sich minimal bewegt.
Fazit
Du hast jetzt sowohl den Digitalisier-Workflow als auch die praktische Logik, um hochwertige ITH-Mug-Rugs reproduzierbar zu erstellen.
- Für Hobby: Genieß den „Reveal“-Moment beim Wenden.
- Für Business: Optimiere auf Wiederholbarkeit – saubere Stopps, stabile Einspannung und eine klare Sequenz sind der Hebel.
Beherrsche zuerst die Logik. Die Geschwindigkeit kommt danach von allein.
