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Das Problem mit Auto-Digitalisierungs-Assistenten
Es gibt diesen einen Moment, den fast jeder am Anfang erlebt: Du siehst einen „Wizard“-Button und denkst dir: „Warum soll ich das manuell nachzeichnen, wenn der Computer das in drei Sekunden erledigt?“*
Und dann kommt die Ernüchterung.
Wenn du schon einmal ein Logo aus dem Internet genommen und durch einen Auto-Digitizing-Wizard gejagt hast, kennst du genau das, was Jeff hier zeigt: Ein niedrig aufgelöstes, pixeliges JPEG wird zu klobigen, „treppenförmigen“ Stichen statt zu sauberen Kanten. Die Software sieht kein „Artwork“, sondern einzelne Pixelblöcke. Sie versucht, jedes Artefakt, jede Zacke und jeden unsauberen Übergang mitzunehmen – und genau das landet später als unschöne Stickstruktur auf dem Material.
In diesem Tutorial umgehen wir bewusst diese typische Anfängerfalle. Du baust das Sonnenlogo in FTCU (Floriani Total Control U) von Grund auf neu – mit einer „in Bausteinen denken“-Methode: Du zeichnest nur ein kleines Element (eine „Flamme“/einen Sonnenstrahl) sauber nach und lässt dann ein Radial-Tool die Wiederholung übernehmen.

Dafür brauchst du einen Perspektivwechsel: Auto-Digitalisierung hängt komplett von der Qualität der Vorlage ab. Ist die Quelle ein Low-Res-JPEG, kann der Wizard keine sauberen Kanten „erfinden“ – er kann nur das Chaos nachbilden. Manuelle Digitalisierung macht dich zur „Architektin/zum Architekten“: Du glättest das Rauschen und konstruierst eine Form, die später sauber stickt.

Arbeitsplatz vorbereiten: Hintergrundbild importieren
Was Jeff macht (und warum das wichtig ist)
Jeff bricht die Auto-Digitalisierung sofort ab. Stattdessen nutzt er das Bild ausschließlich als visuelle Referenz. In FTCU importiert er die Grafik als Backdrop/Hintergrund (Icon mit den „Bergen“) und zoomt dann in den relevanten Bereich.


Profi-Hinweis: Warum zoomen? Beim Nachzeichnen einer pixeligen Vorlage triffst du bei jedem Klick eine Entscheidung: Wo verläuft die „echte“ Kante zwischen den Pixeln? Effizientes Digitalisieren ist deshalb oft 20% Tool-Kenntnis und 80% saubere Entscheidungen. Durch starkes Zoomen reduzierst du die Unsicherheit und setzt Punkte kontrollierter.
Vorbereitung: versteckte Verbrauchsmaterialien & Checks (auch wenn es „nur Software“ ist)
Digitalisieren ist Vorstufe der Produktion. Du kannst die Dateierstellung nicht von der Realität des Stickouts trennen. Jeff stickt das Motiv später auf einem Waffelpiqué-Handtuch – für viele ein anspruchsvoller Untergrund, weil Struktur und Saugfähigkeit Details „schlucken“ können.
Verbrauchsmaterial & Tools (Mise-en-place):
- Testmaterial: Ein Ersatz-Handtuch aus Waffelpiqué (niemals zuerst auf Kundenware testen).
- Stickvlies (Backing): Für strukturierte Handtücher wird häufig Cutaway bevorzugt, damit das Motiv dauerhaft stabil bleibt; je nach Workflow kann zusätzlich Tearaway für mehr Steifigkeit beim Einspannen helfen.
- Topping: Wasserlösliche Folie (z. B. Solvy), damit Stiche nicht in der Struktur „versinken“.
- Pinzette: Zum Entfernen kleiner Sprungstiche/Fadenreste – gerade im Zentrum.
Warnung: Mechanische Sicherheit. Vor jedem Probestick: Maschine ausschalten, bevor du Nadel wechselst oder im Greifer-/Spulenbereich arbeitest. Dicke, strukturierte Materialien können die Nadel bei ungünstigen Stellen abrupt belasten. Teste neue Dateien auf dicken Materialien besonders aufmerksam.
Prep-Checkliste (Ende Vorbereitung)
- Quelle prüfen: Bild ist als „Backdrop“/Hintergrund importiert – noch nicht in Stiche umgewandelt.
- Visuelle Kalibrierung: So weit zoomen, dass einzelne Pixelblöcke klar erkennbar sind.
- Strategie: Wiederholbares Basiselement identifizieren (Jeff zeichnet ein Paar Strahlen, nicht die komplette Sonne).
- Material-Realität: Topping und passendes Stickvlies bereitlegen (nicht mit „irgendwas“ improvisieren).
Manuelles Nachzeichnen mit dem Artwork Tool
Schritt 1 — Einen Strahl mit dem Artwork Tool nachzeichnen
Jeff wählt das Artwork Tool (grünes Stift-Symbol). Das ist dein zentrales Zeichenwerkzeug.
Die Technik (Muskelgedächtnis):
- Kurven: Beim Klicken die Control-Taste gedrückt halten.
- Gerade Linien/Spitzen/Ecken: Control loslassen.

Damit „modellierst“ du die Geometrie: Eine Ecke bedeutet später einen klaren Richtungswechsel, eine Kurve sorgt für flüssigere Konturen.
Schritt 2 — Absichtlich zwei Strahlen zeichnen (für einen organischeren Look)
Jeff trifft hier eine wichtige gestalterische Entscheidung: Er zeichnet zwei Flammen/Strahlen als Paar statt nur einen einzelnen.
Warum? Wenn du einen Strahl 18-mal identisch wiederholst, wirkt das Ergebnis mathematisch perfekt – aber oft steril und „zu computerhaft“. Mit einem Strahl-Paar entsteht eine leichte, gewollte Unregelmäßigkeit („wonky“), die dem handgezeichneten Charakter näherkommt und auf strukturierten Stoffen kleine Abweichungen optisch besser verzeiht.
Schritt 3 — Backdrop ausblenden und Vektor prüfen
Nachdem die Form geschlossen ist (Rechtsklick oder Enter), blendet Jeff den Backdrop aus.

„Reinraum“-Kontrolle: Ohne Hintergrund siehst du nur die blauen Vektorlinien. Achte auf Knicke, Dellen, ungewollte Schleifen. Wenn der Vektor unruhig ist, wird die Stickfläche später ebenfalls unruhig.
Erwartetes Ergebnis: Zwei Strahlenformen mit stimmiger Breite als saubere Drahtgitter-/Wireframe-Kontur.
Circle Template für radiale Designs nutzen
Schritt 4 — Sonnenkranz mit Circle Template aufbauen
Für effiziente Produktion gilt: Wiederholungen nicht von Hand bauen. Jeff markiert das paired-rays-Artwork und öffnet Circle Template.
Die Rechnung: Die Sonne hat 18 Spitzen. Jeff hat ein Paar (2 Spitzen) gezeichnet. Also: 18 / 2 = 9. Er setzt Repeats (Count) auf 9.

Dann justiert er den Dreh-/Ankerpunkt so, dass die unteren Spitzen im Zentrum optisch sauber zusammenlaufen.


Sichtkontrolle: In die Mitte hineinzoomen. Die Spitzen sollen sich „berühren“ oder minimal überlappen. Zu viel Überlappung erzeugt später unnötig dichte Fadenballung; zu viel Abstand lässt den Untergrund durchscheinen.
Erwartetes Ergebnis: Ein kompletter Sonnenkranz als zusammenhängende, gruppierte Form.
Warum diese Methode schneller (und konsistenter) ist
Das ist ein komponentenbasierter Workflow: Änderst du später die Grundform, musst du nicht 18 einzelne Elemente anfassen – du optimierst das Basiselement und lässt die Wiederholung den Rest erledigen. Genau so arbeiten Digitizer*innen in der Praxis, wenn Logos mehrfach angepasst werden müssen.
Vektoren in Stiche umwandeln und korrekt skalieren
Schritt 5 — Artwork in Füllstich umwandeln
Jeff wählt das Vektor-Artwork und klickt auf Standard Fill. Aus der Kontur wird ein Stickobjekt.

Der Größen-Schock: Das Motiv ist zunächst winzig – nur 0,4 inch. Er wechselt in den Transform-Bereich, trägt 2,5 inches Breite ein und bestätigt mit Apply.


Wichtiges Prinzip: Vektor- vs. Stich-Skalierung. Würdest du eine fertige Stichdatei (z. B. DST) extrem vergrößern, bleibt die Stichdichte oft „falsch“ und es entstehen Lücken. Hier arbeitest du aber in der Erstellungsphase: FTCU kann die Stiche für die neue Fläche neu berechnen und die Dichte passend aufbauen.
Praxisnotiz: Skalieren ist nicht nur „größer/kleiner“
Auch wenn die Software die Mathematik übernimmt, bleibt die Physik dein Thema: Eine 2,5"-Füllfläche kann auf Waffelpiqué deutlich ziehen. Behalte deshalb im Hinterkopf, dass die Stabilisierung und der Aufbau (Unterlage/Unterlay) später entscheidend sind.
Feinschliff: Stichmuster und saubere Mitte
Schritt 6 — 3D-Vorschau prüfen und Füllmuster verfeinern
Jeff wechselt in die 3D View – dein „Pre-Flight-Check“.

Dann stellt er das Füllmuster auf Smooth um. Standard-Füllungen zeigen oft ein deutliches Muster; „Smooth“ wirkt optisch ruhiger und lässt das Garn je nach Licht homogener erscheinen.

Schritt 7 — Unsaubere Mitte mit Kreis + Steel Stitch lösen
Durch die radiale Wiederholung bleibt die Mitte häufig nicht perfekt geschlossen – manche Spitzen treffen, andere nicht. Das ist normal.
Der Profi-Trick: Nicht gegen die Geometrie kämpfen – sauber abdecken. Jeff zeichnet mit dem Ellipse Tool einen Kreis.

Diesen Kreis wandelt er in einen Steel Stitch (Satin-Rand) um.

Die Breite reduziert er von standardmäßig 2,5mm auf 1,5mm.


Warum das funktioniert: Der Satinring wirkt wie eine saubere Abschlusskante („Unterlegscheibe“): Er verdeckt die unruhige Konvergenz der 18 Strahlen und sorgt für einen klaren Mittelpunkt – plus einen schönen Material-/Glanzkontrast zur Füllfläche.
Operations-Checkliste (Ende Umsetzung)
- Kurvenlogik: Control-Klick für Kurven, Control loslassen für Ecken/Spitzen.
- Vektorqualität: Konturen ohne Hintergrundbild prüfen.
- Mathe-Check: Count = 9 (weil Strahl-Paar verwendet wird).
- Zentrum: Spitzen sollen sich berühren/leicht überlappen.
- Umwandlung: In Füllstich umwandeln, bevor die Zielgröße final festgelegt wird.
- Transform: Auf 2,5" (oder Zielmaß) skalieren und die Darstellung/Dichte prüfen.
- Abdeckung: Satin-/Steel-Stitch-Kreis mit 1,5mm als sauberen Mittelpunkt setzen.
Praxis-Realitätscheck (typische Frage aus der Community)
Eine häufige Praxisfrage ist: „Ich habe keine Bernina/kein FTCU – bringt mir das trotzdem etwas?“ Ja: Die Logik Basiselement nachzeichnen > radial wiederholen > in Stiche umwandeln > skalieren > Mitte abdecken ist softwareübergreifend. Entscheidend ist der Workflow, nicht die exakte Position eines Buttons.
Qualitätschecks
Was du prüfst, bevor du überhaupt stickst
Du hast die Datei – jetzt muss sie in der Realität bestehen.
- Unterlage/Unterlay prüfen: Auf Handtüchern muss die Fläche gut „verankert“ sein, damit die Struktur nicht durchdrückt.
- Vernähungen (Tie-ins/Tie-offs): Ohne saubere Start-/Endverriegelung können Bereiche beim Waschen aufgehen.
- Rahmenabdrücke prüfen: Waffelpiqué kann empfindlich reagieren. Wenn du in einem Standard-Stickrahmen zu stark spannst, drückst du die Struktur platt (Rahmenabdrücke).
Material-Realität: Warum Handtücher alles verändern
Handtücher sind „lebendige“ Materialien: Sie komprimieren, federn zurück und haben Tiefe.
- Problem: Klassische Stickrahmen arbeiten mit Reibschluss (Innen-/Außenrahmen). Bei dicken Handtüchern braucht man oft viel Kraft – und das Risiko von Abdrücken steigt.
- Lösung: Genau hier steigen viele auf Magnetrahmen für Stickmaschine um. Diese halten über Magnetkraft statt über starken Pressdruck und sind beim Einspannen auf dicken Materialien oft deutlich angenehmer.
Troubleshooting
1) Symptom: Der „Wizard“-Output sieht aus wie Minecraft.
Wahrscheinliche Ursache: Die JPEG-Vorlage war niedrig aufgelöst; der Wizard hat Pixelgruppen statt Formen interpretiert. Schnelllösung: Wizard-Ergebnis verwerfen. Bild als Backdrop nutzen und manuell nachzeichnen. Vorbeugung: Web-Logos mit schlechter Qualität grundsätzlich manuell digitalisieren.
2) Symptom: Zwischen Mittelkreis und Strahlen entstehen sichtbare Spalten.
Wahrscheinliche Ursache: Beim Zusammenlaufen im Zentrum bleibt optisch ein Loch; zusätzlich kann sich das Stickbild beim Sticken leicht „ziehen“. Schnelllösung: Den Satin-/Steel-Stitch-Kreis minimal größer anlegen, sodass er sicher überdeckt. Vorbeugung: Zentrum in der 3D-/Vorschau bewusst auf Überdeckung prüfen und nicht „auf Kante“ konstruieren.
3) Symptom: Stiche wirken im Handtuch „versunken“.
Wahrscheinliche Ursache: Kein Topping – die Fäden sinken in die Struktur. Schnelllösung: Nach dem Sticken kaum korrigierbar. Vorbeugung: Immer wasserlösliches Topping auflegen, bevor du stickst.
4) Symptom: Glänzende Ringe oder plattgedrückte Struktur um das Motiv.
Wahrscheinliche Ursache: Rahmenabdrücke durch zu starkes Spannen im Standardrahmen. Schnelllösung: Dämpfen/Waschen kann helfen, ist aber nicht garantiert. Vorbeugung: Mit einem Magnetrahmen arbeiten, um sicheren Halt mit weniger „Quetschdruck“ zu erreichen.
Entscheidungsbaum: Stabilisierung + Einspannen für strukturierte Artikel
Nutze diese Logik, um dein Setup für strukturierte Materialien (Handtücher/Fleece) festzulegen:
- Ist der Stoff dick (>3mm) oder stark strukturiert (Waffel/Frottee)?
- NEIN: Standardrahmen + Tearaway.
- JA: Weiter zu Schritt 2.
- Machst du eine Serie (10+ Teile) oder hast du Probleme mit Handbelastung beim Einspannen?
- JA (Produktion): Auf Magnetrahmen für Stickmaschine umsteigen, passend zur Maschine (z. B. bernina Magnetrahmen für passende Systeme). Dazu Cutaway als Basis.
- NEIN (Einzelstück): „Floating“-Technik: Nur das Vlies einspannen, Handtuch mit Sprühzeitkleber auflegen.
- Hat das Motiv große Füllflächen (wie dieser Sonnenkranz)?
- JA: „Sandwich“: Cutaway unten | Stoff | wasserlösliches Topping oben.
- NEIN: Standard-Backing kann reichen.
Warnung: Magnet-Gefahr. Magnetrahmen arbeiten mit starken Neodym-Magneten. Finger können schmerzhaft eingeklemmt werden. Außerdem können Magnete mit Herzschrittmachern interferieren – ausreichend Abstand halten.
Ergebnis
Mit Jeffs manuellem Workflow umgehst du die Grenzen der Auto-Digitalisierung: Du erhältst eine geometrisch saubere Form, korrekt auf Zielgröße skalierte Stiche und einen professionell gelösten Mittelpunkt.
Praxis-Realität: Wenn du das später in Serie sticken willst, ist der Engpass oft nicht das Digitalisieren, sondern das Einspannen.
- Level 1: Kämpft mit Standardrahmen und akzeptiert gelegentlich Rahmenabdrücke.
- Level 2: Nutzt Snap Hoop Magnetrahmen für bernina oder passende Stickrahmen für Stickmaschine (je nach System auch magnetisch), um Durchsatz zu erhöhen und Ausschuss zu reduzieren.
- Takeaway: Die „Kunst“ liegt in den Entscheidungen – nicht im Wizard.
Datei speichern, auf dem Testhandtuch mit Topping probesticken und die saubere, klare Sonne genießen, die dir kein Auto-Digitizer in dieser Qualität aus einem pixeligen JPEG bauen wird.
