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IQ Designer Scanning meistern: Von Papier-Clipart zur sauberen Stickdatei
Ein Profi-Workflow für die Solaris – Schritt für Schritt
Wenn du eine Baby Lock Solaris besitzt und schon einmal eine Skizze oder ein Stück Clipart angesehen hast und dachtest: „Warum kann ich das nicht einfach sticken?“, dann ist IQ Designer genau die Brücke. In der Praxis scheitern viele aber an denselben Punkten: Der Scan wirkt „schmutzig“, Flächen laufen beim Füllen aus, oder das fertige Stickbild verzieht sich.
Hier geht es nicht nur ums Knöpfedrücken – es geht um Übersetzung. Du überführst die analoge Welt (Papier mit unperfekten Linien) in die digitale Welt (präzise Maschinendaten).
In diesem Leitfaden gehen wir den kompletten Ablauf durch: ein einfaches Line-Art-Motiv (Schneemann) scannen, in saubere Stickbereiche umwandeln und so nachbearbeiten, dass es in der Praxis zuverlässig funktioniert. Dabei schauen wir auch auf die „Stick-Physik“ dahinter: warum Konturen „offen“ sind, warum Stickvlies über Erfolg oder Frust entscheidet und welche Arbeitsschritte dir in einer produktionsnahen Umgebung wirklich Zeit sparen.

Der wichtigste Perspektivwechsel: Datenerfassung vs. Entscheidungen
Scannen ist keine Magie – es ist Schwellwert-/Kontrasterkennung. Die Maschine entscheidet anhand von Helligkeit und Kontrast: „Das ist eine Linie“ oder „das ist Schmutz/Rauschen“. Deine Aufgabe ist, diese Entscheidung so zu führen, dass am Ende geschlossene, saubere Konturen entstehen.
2. Maschine und Scanning Frame vorbereiten
Der „Clean-Room“-Ansatz
Im Video siehst du die Basics: Papier-Clipart, Scanning Frame und die grünen Magnete. In der Praxis entstehen die meisten Scan-Probleme jedoch bevor überhaupt auf „Scan“ getippt wird.
Benötigte Basics
- Baby Lock Solaris mit Scanning Bed
- Scanning Frame + grüne Fixiermagnete
- Kontraststarkes Line-Art auf Papier (kräftige Linien, weißes Papier)
„Verbrauchsmaterial“, das in der Praxis den Unterschied macht
- Mikrofasertuch: Fingerabdrücke/Staub auf der Scanfläche erzeugen „neblige“ Daten.
- Feiner schwarzer Stift/Marker: Schwache Linien am Original vor dem Scannen nachziehen ist oft schneller als späteres Reparieren am Bildschirm.
- Trockene Hände / sauberer Stylus: Für präzises Zeichnen/Retuschieren (Pencil/Eraser) – Feuchtigkeit kann zu Fehleingaben führen.
Warnhinweis: Scanfläche schützen
Halte scharfe Werkzeuge (Schere, Nahttrenner, Nadeln) konsequent vom Scanning Bed fern. Kratzer können beim Scannen als „Linien“ auftauchen und dich bei zukünftigen Scans dauerhaft stören.
Der wichtigste Vorbereitungsschritt: Maschine komplett abfädeln
Bevor du irgendetwas scannst: Maschine physisch abfädeln. Warum? Die Kamera sitzt in der Nähe des Nadelbereichs. Wenn ein Fadenende im Sichtfeld hängt, kann es mit erfasst und als Linie digitalisiert werden – eine „Geisterlinie“, die später unnötig Arbeit macht.
Magnete richtig nutzen – und warum das Prinzip relevant ist
Der Scanning Frame nutzt Magnete, um das Papier absolut plan zu halten. Planlage ist entscheidend: Wölbt sich das Papier, können Linien verzerren.
Dieses Prinzip – gleichmäßiger Druck ohne „Scherkräfte“ durch Schraubspannung – ist auch der Grund, warum ein Magnetrahmen für Stickmaschine beim Einspannen in der Stickpraxis so beliebt ist: gleichmäßiger Halt, weniger Verzug, oft weniger Rahmenspuren.
Warnhinweis: Magnet-Sicherheit
Die Magnete sind stark und können Finger einklemmen, wenn sie zusammenschlagen. Sicherheit bei Implantaten: Magnete von implantierten medizinischen Geräten fernhalten. Magnete immer kontrolliert seitlich auseinander schieben, nicht „abreißen“.

Wann lohnt sich der Umstieg auf Magnetrahmen?
In der Praxis sehen wir typische Auslöser: Rahmenspuren bei empfindlichen Materialien oder Passungsprobleme, weil Stoff im Rahmen minimal nachgibt.
- Auslöser: Du brauchst beim Einspannen länger als beim Sticken – oder du ruinierst empfindliche Ware durch Rahmenspuren.
- Kriterium: Serien/Produktionsläufe oder heikle Materialien (z. B. samtige Oberflächen).
- Ansatz: Ein Magnetrahmen für Stickmaschine kann Einspannzeit reduzieren und die Wiederholbarkeit verbessern.
Phase-1-Checkliste: Vorbereitung
- KRITISCH: Maschine ist komplett abgefädelt.
- Scanfläche ist frei von Fusseln und Fingerabdrücken.
- Papier liegt plan; Magnete liegen außerhalb des Motivbereichs.
- Papiermotiv geprüft: Sind Linien geschlossen? Sind sie dunkel genug?
3. Scannen und das Bild sauber aufbereiten
Schritt 1 — Scanning Frame einsetzen
Lege das Papier-Clipart auf das weiße Scanning Bed, fixiere es mit den grünen Magneten und setze den Frame ein wie einen normalen Stickrahmen. Achte darauf, dass er sauber einrastet.

Schritt 2 — Scan in IQ Designer starten
- IQ Designer öffnen.
- Auf das Blatt-Symbol tippen (Scan-Funktion).
- Line Design wählen (für Konturzeichnungen).
- Scan starten.
Praxis-Check: Der Frame bewegt sich automatisch. Hände weg vom Frame/ Tisch, solange der Motor läuft – Vibrationen können den Scan verschlechtern.

Schritt 3 — Zuschneiden (Signal isolieren)
Nach dem Scan siehst du die Rohaufnahme: Motiv plus Rand/ Magnete.
- Aktion: Mit den zwei roten Pfeilen in den Ecken den Bereich eng um das Motiv ziehen.
- Warum: Nur der Bereich im Rahmen wird verarbeitet. Enges Cropping reduziert „Rauschen“ und macht die Nacharbeit leichter.

Schritt 4 — Graustufen/„Ghost“-Bild entfernen
Oft bleibt eine leichte „Geister“-Struktur vom Papier sichtbar.
- Background Image auf OFF schalten (Hintergrund ausblenden), damit du nur die erkannten Linien beurteilst.
- Grayscale Detection: Regelt die Empfindlichkeit.
- Zu niedrig: Linien fehlen.
- Zu hoch: Papierkorn/Staub wird als Linie erkannt.
- Praxisziel: Linien klar, Hintergrund möglichst sauber.

4. Unterbrochene Linien reparieren: die „Bucket-Fill“-Katastrophe vermeiden
Grundprinzip: Geschlossene Flächen
Der klassische Frustmoment: Du tippst mit dem Füllwerkzeug in eine Fläche – und plötzlich färbt sich der ganze Hintergrund.
- Ursache: Eine „Leckstelle“ – irgendwo ist die Kontur offen (manchmal nur ein Pixel).
- Logik: Das Füllwerkzeug „fließt“ bis zur Begrenzung. Ist die Begrenzung offen, läuft es weiter.

Mikro-Reparatur-Workflow (schnell und kontrollierbar)
- Reinzoomen: Nicht bei 100% reparieren. Zoome auf 400% oder 800% (bei Bedarf mehr).
- Kontur abfahren: Mit der Hand-/Pan-Funktion rund um Mütze, Schal, Handschuhe etc. nach Lücken suchen.
- Reparieren: Pencil Tool wählen und die Lücke schließen (kurzer „Brückenstrich“).
- Praxis-Tipp: So zeichnen, dass es zur Linienführung passt – nicht „quer drüber“, wenn es die Form verfälscht.


Fehlerfreundlich arbeiten: Wenn beim Füllen etwas „ausläuft“: Undo, weiter reinzoomen, Leckstelle schließen, erneut füllen. Das ist normaler Teil des Prozesses.
5. Farben und Sticharten zuweisen
Wenn die Konturen dicht sind, kannst du „malen“.
Schritt 1 — Fill Cup (Bucket) richtig einsetzen
Wähle das Fill Cup (Bucket)-Werkzeug. Im Video wird für die Bereiche Satin Stitch verwendet.
- Sichtbarkeits-Trick: Weiß ist auf dem weißen Bildschirm schwer zu erkennen. Nutze zunächst Grau als Platzhalter, um die Fläche zu kontrollieren – später kannst du die Fadenfarbe entsprechend anpassen.


Schritt 2 — Bereich für Bereich füllen
Tippe die einzelnen Regionen an (z. B. Mütze blau, Nase orange, Schal in mehreren Farben).
- Praxis-Check: Jede Berührung sollte sofort nur den gewünschten Bereich füllen. Wenn es „flutet“ oder unlogisch reagiert: sofort Undo und nach einer offenen Stelle suchen.
Produktionshinweis: Wiederholbarkeit beginnt beim Platzieren
Wenn du das Motiv später auf viele Teile (z. B. mehrere Lätzchen) sticken willst, ist die Digitalisierung nur die halbe Miete. Die Platzierung muss reproduzierbar sein. Viele Profis nutzen dafür eine Einspannstation, um beim Einspannen immer denselben Anschlag/ dieselbe Position zu treffen.
Typische Praxisfrage dazu: „Wann wähle ich eigentlich die Rahmengröße?“ – Spätestens wenn du im Stickbereich bist und das Motiv im Rahmenfeld siehst, solltest du prüfen, ob es zur geplanten Rahmengröße passt (und ob du genug Rand für Stabilität/Einspannen hast).
Schritt 3 — Realistische Vorschau
Tippe auf das Eye/Info-Symbol: Die Maschine zeigt eine realistische Vorschau (3D-Rendering). Das ist dein „digitaler Probestick“.

6. Satinbreite anpassen: wenn Konturen wie „Seile“ wirken
Problem: Zu wuchtige Konturen
In der Vorschau kann die schwarze Kontur sehr dick wirken.
Globale Korrektur (statt Segment für Segment)
Damit du nicht jedes einzelne Liniensegment separat anfassen musst:
- Ein Segment der schwarzen Kontur auswählen.
- Chain Link-Symbol antippen, um alle nicht verbundenen schwarzen Konturteile gemeinsam zu selektieren.
- Breite auf 0.040 inches stellen.
- OK.


Warum 0.040 inches?
Im Video wird die Satinbreite auf 0.040" reduziert, damit die Kontur feiner wirkt und das Motiv nicht „klobig“ wird.
Passung in der Praxis: Feine Konturen verzeihen weniger. Wenn der Stoff beim Sticken wandert, kann die Kontur neben der Füllfläche landen (Passungsproblem). Eine passende Rahmengröße und stabiler Halt – z. B. über Magnetrahmen Größen für babylock – helfen, die Lage stabil zu halten.
7. Speichern: Das Zwei-Dateien-Protokoll
Dieser Schritt wird oft unterschätzt.
Wichtig: Sobald du mit Set IQ Designer verlässt und in den Stickbildschirm wechselst, sind die bearbeitbaren Formen/Flächen nicht mehr im selben Umfang editierbar.
Praxislösung:
- In IQ Designer zuerst speichern: Memory → als Arbeitsdatei sichern (für spätere Änderungen).
- Set drücken → Wechsel in den Stick-/Platzierungsbildschirm.
- Nochmals speichern: Jetzt als Stickdatei (PES).

8. Der Probestick: Entscheidungslogik für ein sauberes Ergebnis
Du hast die Datei – jetzt zählt die Umsetzung am Material.
Phase-3-Checkliste: „Pre-Flight“ vor dem Sticken
- Material: Webware (stabil) oder Maschenware (dehnbar)?
- Stickvlies: Passt zum Material?
- Nadel: Frische Nadel eingesetzt?
- Einspannen: Stoff liegt straff, aber nicht überdehnt?
Entscheidungslogik: Stabilisieren & Einspannen
| Materialtyp | Stickvlies-Empfehlung | Rahmen-/Tool-Strategie |
|---|---|---|
| Stabile Baumwolle | Tearaway (mittel) | Standard- oder Magnetrahmen |
| Maschenware (T-Shirts) | Cutaway (No-Show Mesh) | Magnetrahmen für babylock Stickmaschinen (hilft, Dehnung beim Einspannen zu reduzieren) |
| Frottee/Struktur | Tearaway (unten) + wasserlöslich (oben) | Magnetrahmen kann das Einspannen dicker Lagen erleichtern |
Troubleshooting: „Meine Kontur trifft die Füllfläche nicht“
Das ist ein Passungsproblem.
- Symptom: Zwischen Füllfläche (z. B. blaue Mütze) und schwarzer Kontur bleibt ein sichtbarer Spalt.
- Ursache: Der Stoff hat sich während der Füllstiche bewegt/verzogen. (In den Kommentaren wird genau dieses Problem angesprochen; als Antwort wird auf zu wenig Stabilisierung hingewiesen.)
- Schnelle Abhilfe:
- Mehr stabilisieren: stärkeres/geeigneteres Cutaway verwenden.
- Einspannen reproduzierbar machen: Wenn du beim Einspannen schwankende Spannung hast, kann eine hooping station for embroidery machine helfen, den Rahmen beim Laden stabil zu halten.
- Digitizing-Ansatz: Füllflächen so anlegen, dass sie minimal unter die Kontur laufen (Überlappung), damit kleine Bewegungen optisch verziehen.
Fazit: Vom Scan zur konstanten Qualität
Mit diesem Workflow hast du Papier in ein digitales Stickmotiv übersetzt – und dabei die entscheidenden Praxishebel im Griff:
- Saubere Vorbereitung (abfädeln, Scanfläche sauber halten)
- Lücken finden und schließen, bevor das Füllwerkzeug „ausläuft“
- Richtig speichern: Arbeitsdatei und Stickdatei
- Stabilisierung und Einspannen als Schlüssel, damit das Stickbild so aussieht wie die Vorschau
Maschinenstickerei ist immer eine Mischung aus Gestaltung und Technik. Die Maschine liefert die Mechanik – deine Entscheidungen bei Konturen, Breiten und Stabilisierung liefern die Qualität.
Wenn du den Schneemann mit sauber geschlossenen Linien und der 0.040"-Kontur sicher beherrschst, bist du bereit für komplexere Motive wie Logos oder eigene Zeichnungen.
