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Hatch 3 meistern: Der „Zero-Trim“-Workflow fürs Digitalisieren (für Einsteiger)
Running Stitch wirkt trügerisch simpel. Am Bildschirm ist es nur eine dünne Linie. An der Maschine wird schlechtes Pathing jedoch schnell zum Albtraum: ständiges „ratter-ratter-schnitt“, verschenkte Sekunden bei jedem Fadenschnitt und unsaubere Fadenenden auf der Rückseite.
In diesem Guide schlagen wir die Brücke zwischen Software-Logik und Produktionsrealität. Du lernst einen einsteigerfreundlichen Workflow in Hatch 3, um saubere Motive (ein Blatt und ein Strandball) zu digitalisieren – mit dem Ziel, die Nadel möglichst durchgehend laufen zu lassen.
Das Ziel: Ein Design, das von Anfang bis Ende flüssig durchläuft – mit minimalen Schnitten. Denn in der Stickerei gilt: Kontinuierliche Bewegung = saubere Ergebnisse.

Grundlagen: Knoten „fühlen“ (Gerade vs. Kurve)
Digitalisieren ist nicht nur Nachzeichnen – du sagst der Maschine, wie sie beschleunigt, abbremst und um die Ecke läuft. In Hatch 3 basiert das auf einer einfachen, aber entscheidenden Gewohnheit: Jeder gesetzte Punkt (Klick) ist eine Entscheidung.
- Linksklick = Gerade Punkte: Scharfe Ecken, klare Richtungswechsel.
- Rechtsklick = Kurvenpunkte: Weiche, fließende Bögen.
Wenn du das verwechselst, „stottert“ die Stickbewegung: Kurven aus zu vielen geraden Punkten wirken im Faden kantig/polygonal. Ecken mit Kurvenpunkten werden dagegen „matschig“.
Visueller Check: Die „Gummiband“-Regel
Wenn du Punkte richtig setzt, sollte sich die Linie am Bildschirm wie ein Gummiband an die Vorlage schmiegen:
- Visuell: Die Linie folgt der Form natürlich, ohne facettig zu wirken.
- Mental: Setze die minimal nötige Anzahl an Klicks. Wenn du jeden Millimeter klickst, übersteuerst du. Lass die Software rechnen.

Profi-Tipp: Gerade Linien mit der „Ctrl“-Taste
Wenn dir perfekte Geraden schwerfallen: Halte beim Setzen der Punkte Ctrl (Windows) gedrückt. Hatch „rastet“ dann auf vertikale/horizontale Achsen ein.
- Checkpunkt: Du siehst/merkst, wie die Linie sauber in die Ausrichtung „einrastet“.
Open vs. Closed Shapes: Die typische Anfängerfalle
Hatch bietet zwei Werkzeuge, die ähnlich aussehen, sich aber beim Abschluss mit Enter komplett unterschiedlich verhalten:
- Digitize Open Shape: Die Linie endet exakt am letzten gesetzten Punkt.
- Digitize Closed Shape: Hatch verbindet den letzten Punkt automatisch mit dem ersten Punkt (meist als direkte Gerade).
Die Logikfalle
Viele Einsteiger wählen „Closed Shape“ für alles.
- Das Problem: Du digitalisierst eine feine Blattader, drückst Enter – und plötzlich zieht Hatch eine unerwünschte Rücklinie quer durchs Motiv, weil es „schließen“ will.
Entscheidungsmatrix: Welches Tool wann?
| Szenario | Richtiges Tool | Warum? |
|---|---|---|
| Blattadern, Stiele, Detail-Linien | Open Shape | Du willst am Ende wirklich stoppen – ohne Rückverbindung. |
| Kreise, Quadrate, Patches | Closed Shape | Du brauchst eine geschlossene, dichte Kontur. |

Im Tutorial wird Closed Shape gezielt für Außenkonturen genutzt, die wirklich sauber schließen müssen. Alles, was „Linie/Detail“ ist, bleibt Open Shape.

Goldene Regel: Backtracking / Backstitch (Ctrl+B)
Das ist die „Geheimwaffe“ für „Zero-Trim“-Digitalisieren.
Stell dir vor, du läufst in einen Flur ohne Ausgang. Um zurückzukommen, teleportierst du nicht (Sprungstich) – du gehst den Weg zurück. Genau das macht Backtracking mit deiner Nadel.
Workflow:
- Eine Linie digitalisieren (z. B. eine Blattader).
- Direkt danach das Objekt auswählen.
- Ctrl + B drücken.
Hatch erzeugt dann eine Laufstich-Linie, die exakt über den vorhandenen Pfad zurückläuft. So kommst du wieder zum „Hub“ (Start-/Abzweigpunkt) und kannst ohne Schnitt die nächste Linie starten.

Warum Produktionsleute darauf so fixiert sind
Für ein einzelnes Geschenk sind ein paar Sprungstiche egal. In einer Serie (z. B. 50 Shirts) zählt es:
- Zeit: Jeder Schnitt kostet Zykluszeit.
- Risiko: Jeder Schnitt ist eine zusätzliche Fehlerquelle (Faden aus dem Nadelöhr, Unterfadenprobleme, Fadenenden). Durchlaufen ist sicherer als ständig stoppen.
Praxis-Hinweis: „Optische Stärke“ vs. „Reiseweg“
- Praxis-Ansatz: Wenn es optisch zu dick wird, reduziere die Anzahl der Rückläufe (wo möglich) oder akzeptiere den kräftigeren Look als Stilmittel. (Im Video liegt der Fokus klar auf sauberem Pathing und weniger Schnitten.)
Projekt-Workflow: Blatt & Strandball
Jetzt setzen wir die Logik auf zwei echte Formen um.
1) Das Blatt (Abzweig-Strategie)
- Tool: Digitize Open Shape.
- Strategie: Start am Stiel/„Hub“.
- Ablauf:
- Linksklicks für gerade Bereiche.
- Rechtsklicks für Kurven an den Spitzen.
- An der Spitze stoppen.
- Objekt auswählen → Ctrl+B zurück zum Hub.
- Nächste Ader vom Hub aus digitalisieren.

Ergebnis: Der Stichablauf wirkt wie ein gleichmäßiges „Summen“ statt wie eine stotternde Schreibmaschine.

2) Der Strandball (Hub-zu-Rand-Strategie)
- Tool: Open Shape für die „Speichen“, Closed Shape für den Außenring.
- Strategie: Von innen nach außen planen.
- Ablauf:
- Am absoluten Zentrum starten (Hub).
- Eine gebogene Speiche nach außen digitalisieren (mehrere Rechtsklicks).
- Ctrl+B zurück ins Zentrum.
- Für alle Segmente wiederholen.
- Wichtiger Punkt aus dem Video: Beim Digitalisieren immer wieder die „letzten Spitzen“ treffen/berühren, damit die Linien wirklich verbunden sind (keine Mikrolücken).
- Den Außenring mit Closed Shape schließen.

Ergebnis: Ein sauberer, radialer Ablauf, der logisch und ohne unnötige Sprünge aufgebaut ist.

Warnung: Mechanische Sicherheit. Beim Teststicken niemals unter den Nadelbereich greifen, während die Maschine läuft. Im Video wird im Player z. B. mit ca. 600 SPM gearbeitet – das ist schneller als deine Reflexe. Immer erst pausieren/stoppen, bevor du Fadenenden manuell anfasst.
Wenn gutes Digitalisieren scheitert: Die physische Seite
Du hast sauber digitalisiert. Du hast simuliert. Und trotzdem wird der Kreis auf dem Polo oval – oder der Stoff puckert um die Linien.
Das ist oft kein Software-Problem, sondern ein Stabilitäts-/Einspann-Thema.
Gerade bei klassischen Stickrahmen kann die Reibung zwischen Innen- und Außenring Stoff ungleichmäßig „überdehnen“.
Der „Tool-Upgrade“-Pfad
Wenn du ständig neu einspannst, um die Spannung zu treffen, oder wenn du regelmäßig Rahmenabdrücke auf dunklen Stoffen bekommst, ist das ein typischer Auslöser, über Hardware nachzudenken.
Szenario: Du musst 20 Left-Chest-Logos sticken. Pain Point: Klassisches Einspannen dauert lange und ist körperlich anstrengend. Lösung:
- Level 1 (Technik): Floating-Technik (Stoff auf Vlies fixieren), um Rahmenabdrücke zu reduzieren.
- Level 2 (Tool): Umstieg auf einen Magnetrahmen. Der klemmt schnell und gleichmäßig – ohne dass ein Innenring den Stoff „hineindrückt“.
- Level 3 (Pro): Für Shops sorgt eine hooping station for embroidery machine für reproduzierbare Platzierung (gleiches Logo, gleiche Position, weniger Ausschuss).

Sequenz-Probleme beheben (Sequence Docker)
Hatch hat eine Eigenheit: Wenn du ein Backtracking (Ctrl+B) später nachträglich erzeugst, kann das neue Objekt an einer unpassenden Stelle in der Sequenz landen – und der Ablauf wirkt „zerhackt“.
Fix (wie im Video gezeigt):
- Sequence Docker öffnen (Objekt-/Sequenzliste).
- Das neu erzeugte Backtracking-Objekt per Drag & Drop an die richtige Stelle ziehen (im Video: häufig ganz nach unten/ans Ende).
- Check: Der Ablauf sollte logisch „durchlaufen“, ohne dass die Reisewege kreuz und quer springen.
Symptom → Ursache → Fix
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache | Quick Fix |
|---|---|---|
| Sprungstich (gestrichelte Verbindung) | Das nächste Objekt startet weit weg vom Endpunkt des vorherigen. | Objekt auswählen → Ctrl+B nutzen, um sauber zurück/weiter zu „reisen“. |
| Unerwarteter Schnitt/Trim | Mikrolücke zwischen zwei Linien/Objekten (Endpunkt berührt Startpunkt nicht). | Stark zoomen und sicherstellen, dass Endpunkt A wirklich den Startpunkt B trifft („Tip-to-Tip“). |
| Unerwünschte Schließlinie | Closed Shape für eine Linien-Detailspur verwendet. | Für Linien/Details Open Shape nutzen. |
Simulation: Dein „Flugsimulator“ (Shift+R)
Exportiere nichts an die Maschine, ohne das zu prüfen. Mit Shift + R öffnest du den Stitch Player.
Worauf du achten solltest:
- Geschwindigkeit: So einstellen, dass du den Ablauf wirklich lesen kannst (im Video wird u. a. um ~600 SPM visualisiert).
- Kontinuität: Verschwindet die „Nadel“ und taucht woanders wieder auf? Dann hast du einen Sprung/Schnitt.
- Logik: Wird erst innen gearbeitet und dann außen geschlossen? (So ist es im Strandball-Beispiel geplant.)

Vorbereitung (bevor du digitalisierst)
Digitale Dateien scheitern selten „einfach so“ – meistens ist es Physik. Bevor du dich an den Rechner setzt, denk an die Basics.
Checkliste „Basics“
- Neue Nadeln: Eine stumpfe Nadel schiebt Material und verschlechtert selbst perfektes Pathing.
- Stabilisierung: Nicht raten – bewusst entscheiden.
- Messen: Stickfläche/Designgröße realistisch planen.
Prep-Checklist
- Artwork in Hatch importiert und korrekt skaliert.
- Maus/Trackpad so eingestellt, dass du präzise klicken kannst.
- Shortcuts sitzen: Ctrl+B (Backtracking) und Shift+R (Player).
- Passender Rahmen in der Software gewählt: Damit die Vorschau zur realen Stickfläche passt.
Setup (Path Planning & Strategie)
Der teuerste Fehler ist Digitalisieren ohne „Landkarte“. Wenn du deinen Hub planst, vermeidest du das typische Spaghetti-Chaos aus Sprüngen.
Entscheidungshilfe: Vlies & Einspann-Strategie
Dein Digitalisieren braucht eine stabile Basis.
- Szenario A: Dehnbar (T-Shirt/Polo)
- Vlies: Cutaway.
- Einspann-Strategie: Strickware nicht überdehnen. Wenn du damit kämpfst, suche gezielt nach Magnetrahmen Anleitung – dort geht es oft um „auflegen statt ziehen“.
- Szenario B: Stabil (Denim/Canvas)
- Vlies: Tearaway.
- Einspann-Strategie: Klassische Rahmen funktionieren meist gut.
- Szenario C: Glatt/empfindlich (z. B. feine Ware)
- Vlies: Mesh/Cutaway (No-Show).
- Einspann-Strategie: Stickrahmen für Stickmaschine mit magnetischem Grip können helfen, Druckstellen zu reduzieren.
Warnung: Magnet-Sicherheit. Magnetrahmen sind schnell, haben aber starke Quetschstellen. Von Herzschrittmachern fernhalten.
Setup-Checklist
- Hub definiert: Wo startest du und wohin kehrst du zurück?
- Klick-Strategie klar: Was ist Kurve (Rechtsklick), was ist gerade (Linksklick)?
- Exit geplant: Wo landest du am Ende, um sauber zu schließen?
Umsetzung (der Digitalisier-Flow)
- Punkte setzen: Vorlage nachzeichnen.
KurzcheckFür Geraden Ctrl nutzen, damit die Linie sauber einrastet.
- Backtracking: Segment beenden → Objekt auswählen → Ctrl+B.
- Sequenz prüfen: Liegt das neue Objekt an der richtigen Stelle?
KurzcheckWenn der Ablauf unlogisch wirkt, im Sequence Docker per Drag & Drop korrigieren.
- Formen schließen: „Closed Shape“ nur für echte geschlossene Konturen (z. B. Außenring).
- Simulieren: Shift+R. Wenn du einen Schnitt/Sprung siehst: jetzt korrigieren.
Operation-Checklist
- Gummiband-Test: Wirken Kurven glatt und bewusst gesetzt?
- Hub-Rückkehr: Kommt jede „Ader/Speiche“ sauber zurück?
- Keine Sprünge: Zeigt der Player einen durchgehenden Ablauf?
- Rahmen-Check: Ist der Stickrahmen sauber (keine Klebereste/Schmutz, der die Spannung verfälscht)?
- Speichern: Als
.EMB(editierbar) und im Maschinenformat (.PES,.DSTetc.).
Praxis-Insight: Wenn du diesen Software-Workflow (Pathing + Backtracking) beherrschst, aber das Einspannen dich ausbremst: Dafür gibt es etablierte Lösungen. Hatch übernimmt die Logik – und mit dem passenden Rahmen-/Einspann-Setup reduzierst du die physische Fehlerquelle. Wilcom Hatch bleibt dabei ein Softwarebegriff; für die Hardware-Seite sind Magnetrahmen und Einspannstationen oft der nächste Schritt.
