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Einführung in die Lettering-Objekteigenschaften
Schrift ist der „Handshake“ in der Maschinenstickerei: Oft ist sie das Erste, was Kund:innen wahrnehmen – und gleichzeitig der schnellste Indikator, ob ein Stickbild nach professioneller Produktion oder nach „Hobby“ aussieht. Wenn Text im Aussticken dünn, kratzig oder ungleichmäßig wirkt, obwohl er am Bildschirm sauber und kräftig aussieht, ist das meist kein Font-Problem. Die Stellschrauben sitzen in den Lettering Object Properties – konkret in der Registerkarte Stitching.
Stickerei ist immer ein Zusammenspiel aus Fadenspannung, Materialoberfläche und Stabilität. Die Software liefert dir den Plan – aber das Material entscheidet, wie stark sich dieser Plan unter realen Bedingungen verändert. In diesem Walkthrough konzentrieren wir uns auf die drei wichtigsten Hebel in Hatch, die bestimmen, wie gut Schrift den Sprung von der Vektorgrafik zum echten Faden schafft: Underlay (Unterlage), Pull Compensation (Zugausgleich) und Connectors (Verbinder/Automatikfunktionen).
Wir bleiben dabei im Hatch-Workflow, ergänzen aber die „Werkstatt-Physik“, die in der Praxis Ausschuss, unnötige Testläufe und Frust bei der letzten Zeile verhindert.

Was du danach sicher beherrschst
- Underlay verstehen: Du wählst aus Hatchs fünf Underlay-Optionen nicht nach Gefühl, sondern nach Funktion.
- Gezielt kombinieren: Du setzt zwei Underlay-Lagen bewusst ein, um Einsinken, Verschieben und unruhige Kanten zu reduzieren.
- Push-Pull kontrollieren: Du stellst Pull Compensation mit einem sicheren Startwert ein, damit Schrift auf weichen Materialien nicht „abmagert“.
- Trims planbar machen: Du weißt genau, wann Hatch zwischen Buchstaben automatisch trimmt (2,00-mm-Regel) – und wann du das manuell übersteuerst.

Underlay verstehen: Das Fundament guter Stickerei
Underlay wird von Einsteiger:innen oft als „unnötige Zusatzstiche“ gesehen, die nur Laufzeit kosten. In der Praxis ist das riskant. In der Registerkarte „Stitching“ solltest du Underlay wie die Bewehrung im Beton betrachten. Digital ist es eine Einstellung – physisch ist es die Grundlage, die Stoff und Stickvlies zuerst miteinander „verankert“, bevor die sichtbaren Stiche darüber kommen.
Bei Hatch-Lettering-Objekten stehen dir fünf Underlay-Typen im Dropdown zur Verfügung:
- Center Run: Eine einfache Laufstichlinie in der Mitte.
- Double Zigzag: Sehr kräftige, tragende Unterlage.
- Edge Run: Kontur-/Randlauf leicht innerhalb der Kante.
- Tatami: Flächige Unterlage für breitere Bereiche.
- Zigzag: Standard-Unterlage, um „Loft“ zu stützen.
Wichtig: Du kannst zwei Underlay-Lagen gleichzeitig aktivieren. Das ist keine Redundanz, sondern eine gezielte Konstruktion.

Warum Underlay zählt (Passung & „Stoff-Physik“)
In der Produktion nutzt man Underlay vor allem gegen drei typische Effekte:
- Materialwanderung: Viele Einstiche bedeuten viele Perforationen – der Stoff kann sich bewegen.
Center RunoderEdge Runhelfen, Stoff und Stickvlies vorab zu fixieren, damit die Ausrichtung/Passung stabil bleibt. - Einsinken in Flor/Struktur: Bei Frottee, Fleece oder stark strukturierten Waren verschwinden Satinstiche gern im Flor.
Zigzagbzw.Double Zigzagbauen ein „Netz“, das den Flor niederhält und die Deckstiche sichtbar trägt. - Unruhige Kanten auf „buckligem“ Material: Struktur (z. B. Piqué) kann Kanten zackig wirken lassen. Underlay glättet die Basis, bevor der Satin darüberläuft.
Praxis-Check: Underlay sollte wie eine leichte Skizze wirken – nicht wie eine vollständige Abdeckung. Wenn die Unterlage schon nahezu „voll“ aussieht, ist sie für Schrift häufig zu massiv.
Wenn du sehr dehnbare oder voluminöse Materialien einspannst, kann Underlay nur begrenzt kompensieren. Ist das Einspannen inkonsistent (zu locker oder „trommelfest“ verzogen), scheitert selbst ein gutes Underlay-Setup. Deshalb steigen viele Betriebe bei schwankender Schriftqualität auf einen Magnetrahmen um: Gleichmäßiger Magnetdruck statt Schraubreibung reduziert Verzug und typische Rahmenabdrücke, wodurch Underlay nicht „gegen“ Einspannfehler arbeiten muss.
Wo du die Registerkarte „Stitching“ findest
Markiere dein Lettering-Objekt (im Tutorial wird „ORE“ ausgewählt). Öffne rechts das Panel Object Properties und klicke auf Stitching – das ist deine Schaltzentrale für Underlay, Pull Compensation und Connectors.

Die richtige Underlay-Wahl je nach Material
Im Tutorial wird ein wichtiger Ablauf gezeigt: Underlay 1 wird von Center Run auf Zigzag und anschließend auf Double Zigzag umgestellt. Achte dabei auf die Vorschau (pinkes „Wireframe“/Strukturmuster) – du siehst direkt, wie sich das Fundament verändert.

Materialbasierte Underlay-Logik (praxisnaher Standard)
Nicht raten – nach Material entscheiden:
- Der Anker (Center Run): Für stabile Webware, wenn du vor allem Stickvlies und Stoff „anheften“ willst. Minimaler Aufbau, wenig Volumen.
- Das Gerüst (Zigzag / Double Zigzag): Für Frottee, Fleece und ähnliche Flor-/Noppenwaren. Ziel: Flor niederhalten, Deckstich „oben“ halten.
Double Zigzagist dabei die kräftigere Variante. - Der Kantenschutz (Edge Run): Besonders hilfreich auf Piqué (Poloshirts). Der Randlauf stabilisiert die Kante der Satinsäule und reduziert den „gezackten“ Look in den Vertiefungen.
Hinweis aus der Praxis: „Stärkstes Underlay für alles“ ist bei kleiner Schrift oft kontraproduktiv. Gerade bei kleinen Buchstabenformen kann zu schwere Unterlage die Form optisch „aufblasen“.
Underlay 1 + Underlay 2 kombinieren (gezielte „Combo“)
Im Tutorial werden beide Underlay-Lagen aktiviert. Das ist sinnvoll, wenn Material und Schrift kritisch sind.
Ein typisches Setup für Piqué/Polos:
- Underlay 1:
Edge Run(saubere Kante/Definition) - Underlay 2:
Zigzag(stützt die Fläche/Loft)
So bekommst du definierte Außenkanten und gleichzeitig mehr Stand in der Mitte.

Zigzag-Underlay gezielt „dichter“ machen
Standardwerte sind bei hohem Flor oft zu locker. Im Tutorial wird gezeigt, wie du die Abdeckung erhöhst:
- Stichlänge (Zigzag): 10.00 mm
- Stichabstand (Zigzag): 3.00 mm (kleinerer Wert = höhere Dichte)
Wichtig: Zu dichtes Underlay kann sich wie eine Decklage verhalten und Schrift unnötig steif machen. Ziel ist Stütze – nicht „Panzerung“.

Verhindern, dass Underlay in engen Bögen durchscheint
Typischer Stolperstein: Auf strukturierten Waren wie Piqué ist Edge Run sehr hilfreich – aber in engen Innenradien kleiner Buchstaben kann die Unterlage sichtbar werden.
Der Fix: Stelle Margin from edge (Abstand zur Kante) so ein, dass die Unterlage weiter „nach innen“ rückt. Im Tutorial wird genau dieses Prinzip gezeigt: Margin anpassen, damit Edge Run nicht in engen Bögen hervorblitzt.

Warnung: Mechanische Sicherheit. Beim Probesticken Hände und Finger aus dem Bereich von Nadelstange und Greifer fernhalten. Beim Beobachten der Unterlage nicht zu nah an die Nadel gehen – Nadelbruch kann Teile wegschleudern. Behandle die Stickmaschine wie ein Elektrowerkzeug.
Prep-Checkliste (Setup vor dem Teststicken)
Bevor du Werte beurteilst, muss das Setup stimmen – sonst testest du „Fehler gegen Fehler“.
- Materialkombination: Teste immer auf derselben Kombination aus Stoff + Stickvlies, die später in Produktion läuft.
- Sauberkeit/Tension: Flusen im Greiferbereich verändern Unterfadenspannung und können gerade bei schmaler Schrift schnell zu unsauberen Ergebnissen führen.
- Einspann-Strategie: Wenn du schnell und reproduzierbar einspannen willst, ist eine Einspannstation für Maschinenstickerei in vielen Betrieben der nächste Schritt, weil sie den Prozess standardisiert.
Was ist Pull Compensation – und warum brauchst du es?
Pull Compensation ist eine der wichtigsten Einstellungen, wenn Schrift im Aussticken zu schmal wird.
Pull-Effekt (Zug-Effekt): Beim Sticken steht der Faden unter Spannung. Auf weichen Materialien zieht diese Spannung die Kanten der Satinsäule nach innen.
- Ergebnis: Eine digital geplante Breite wirkt real schmaler.
- Optik: Buchstaben sehen dünn aus, Konturen wirken unruhig, Innenräume schließen oder werden ungleichmäßig.
Im Demo ist Pull Compensation zunächst mit 0.17 mm zu sehen; als guter durchschnittlicher Startwert wird 0.20 mm genannt.


Pull Compensation einstellen (konkret in Hatch)
- Lettering-Objekt auswählen.
- Stitching > Pull Compensation öffnen.
- Wert anpassen.
- Kontrolle in der Vorschau: Die Stichsimulation (lila) wird minimal über die Vektorlinie hinaus erweitert – genau das kompensiert den realen Zug nach innen.
Startwerte sinnvoll wählen (was das Tutorial wirklich sagt)
Die Kernaussage aus dem Tutorial:
- Je fester das Material, desto weniger Pull Compensation.
- Je weicher das Material, desto mehr Pull Compensation.
Und: Vorsicht vor Extremwerten.
- Zu viel: Buchstabenform leidet.
- Zu wenig: Schrift wird dünn/„kratzig“.
Als praxistauglicher Einstieg wird 0.20 mm empfohlen – von dort aus arbeitest du dich je nach Material und Schriftgröße in kleinen Schritten heran.
Entscheidungslogik: Material → Underlay + Pull Compensation
Nutze diese einfache Reihenfolge, bevor du in Details verlierst:
- Flor/Volumen (Frottee/Fleece)?
- Priorität: Flor niederhalten →
Zigzag/Double Zigzagtesten.
- Priorität: Flor niederhalten →
- Struktur (Piqué)?
- Priorität: saubere Kante →
Edge Runund Margin so einstellen, dass nichts durchscheint.
- Priorität: saubere Kante →
- Weich/instabil (z. B. feiner Interlock)?
- Priorität: Zug kompensieren → Pull Compensation schrittweise erhöhen (Startpunkt 0.20 mm).
- Sehr kleine Schrift?
- Priorität: Form erhalten → Underlay nicht überladen und Pull Compensation vorsichtig dosieren.
Connectors verwalten: Auto-Trims vs. manuelle Kontrolle
Connectors steuern die Maschinenfunktionen zwischen Objekten bzw. innerhalb einer Lettering-Zeile: Tie-ins, Tie-offs und Trims. Im Tutorial wird gezeigt, dass Hatch bei Lettering-Objekten viel automatisch regelt – abhängig vom Abstand zwischen Buchstaben.
Die zentrale Logik ist die 2.00-mm-Regel:
- Abstand > 2.00 mm: Hatch erzeugt automatisch Trims (Tie-off, Cut, Tie-in).
- Abstand < 2.00 mm: Hatch verbindet ohne Trim (Sprungstich/„Jump“), die gestrichelte Linie verschwindet.


Die 2.00-mm-Regel praktisch nutzen
Warum das im Alltag zählt:
- Laufzeit: Jeder Trim kostet Zeit. Bei vielen Buchstaben kann das die Produktionszeit deutlich erhöhen.
- Optik/Finish: Sprungstiche können je nach Kontrast und Material sichtbar sein. Trims sind sauberer, erzeugen aber mehr Fadenenden.
Der wichtigste Punkt aus dem Tutorial: Du kannst die Automatik sehr gut „lesen“, indem du in der Ansicht die Verbindungsdarstellung beobachtest (gestrichelte Linien erscheinen/verschwinden, wenn du Buchstaben näher zusammenziehst oder weiter auseinanderziehst).


Trim erzwingen (manuelles Override)
Wenn du trotz geringem Abstand unbedingt zwischen Buchstaben schneiden willst, nutze das Trim-Icon (Scheren-Symbol) in der Context Toolbar. Damit setzt du den Trim unabhängig von der Distanz.
Tie-off-Methoden
Im Tutorial werden zwei Varianten gezeigt:
- Satin Method (Bow Tie): Standardmethode.
- Tatami: Versteckt die Verriegelung in der zuletzt gestickten Stichlinie.

Warnung: Magnet-Sicherheit. Wenn du deinen Workflow mit Magnetrahmen für Stickmaschine aufrüstest, beachte die Quetschgefahr: Neodym-Magnete sind extrem stark. Halte Finger aus dem Spalt, trenne Teile durch seitliches Verschieben (nicht „aufhebeln“). Halte Magnete zudem mit Abstand zu empfindlicher Elektronik.
Ablauf-Checkliste (Testlauf wie in der Produktion)
- Objekt richtig ausgewählt? Stelle sicher, dass du wirklich das Lettering-Objekt bearbeitest.
- Nur eine Variable ändern: Erst Underlay testen, dann Pull Compensation – nicht alles gleichzeitig.
- Connectors prüfen: Entspricht das Verhalten (Trim vs. Jump) deiner Erwartung zur 2-mm-Regel?
- Versionieren: Teststände separat speichern.
- Auf Originalmaterial testen: Nur so sind Underlay- und Pull-Entscheidungen belastbar.
Qualitätskontrolle
Nach dem Probestick nicht nur „anschauen“, sondern gezielt prüfen:
Sichtprüfung
- Lesbarkeit: Ist die Schrift aus normaler Betrachtungsdistanz klar?
- Innenradien: Siehst du Underlay in engen Bögen? Dann Margin bei
Edge Runnachjustieren. - Flor: Sinkt der Satin in Fleece/Frottee ein? Dann Underlay (Zigzag/Double Zigzag) verstärken.
Griff-/Haptikprüfung
- Steifigkeit: Wirkt die Schrift unnötig hart? Dann Underlay/Dichte reduzieren.
- Wellen/Puckering: Kann auf zu viel Zug/zu aggressive Kompensation oder ungünstiges Einspannen hindeuten.
Reproduzierbarkeit
- Kommt bei mehreren Teilen hintereinander das gleiche Ergebnis heraus? Wenn nicht, ist oft das Einspannen der Engpass – hier helfen standardisierte Prozesse und Hilfsmittel wie Einspannstation.
Troubleshooting
Wenn es nicht passt, arbeite systematisch:
1) Stiche sinken in den Flor („verschwindende Schrift“)
- Symptom: Schrift wirkt dünn/„weg“, Farbe verliert Deckkraft.
- Ursache: Underlay stützt zu wenig.
Zigzag oder Double Zigzag als Underlay einsetzen, um den Flor niederzuhalten.2) Underlay scheint in engen Kurven durch („Schienen“)
- Symptom: Linien der Unterlage sind innen sichtbar.
- Ursache:
Edge Runliegt zu nah an der Kante.
3) Buchstaben wirken zu schmal
- Symptom: Schrift ist dünn/„kratzig“, entspricht nicht der Bildschirmwirkung.
- Ursache: Pull-Effekt auf weichem Material.
4) Viele Stopps/Trims, unruhige Rückseite
- Symptom: Häufige Trims, viele Fadenenden.
- Ursache: Buchstabenabstände > 2 mm triggern die Automatik.
Ergebnis
Mit diesen drei Stellschrauben bringst du Hatch-Lettering deutlich näher an ein sauberes, reproduzierbares Stickergebnis:
- Underlay: Fundament und Stabilität –
Zigzag/Double Zigzagfür Flor,Edge Runfür definierte Kanten auf Struktur. - Pull Compensation: Gegenmaßnahme zur Physik – als solider Startwert 0.20 mm, danach material- und größenabhängig feinjustieren.
- Connectors: Effizienz vs. Sauberkeit – die 2.00-mm-Regel erklärt, wann Hatch automatisch trimmt und wann nicht.
Schlussgedanke: Software kann viel – aber sie ersetzt keine saubere mechanische Basis. Wenn Underlay und Pull Compensation stimmen, aber das Einspannen schwankt, bleibt das Ergebnis inkonsistent. Saubere Tests auf dem Zielmaterial, passende Vlieswahl und – je nach Workflow – Hilfsmittel wie Magnetrahmen Anleitung-Systeme für gleichmäßige Spannung sind die Schritte, die in der Praxis den Unterschied machen.
