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Die Anatomie deiner MaYa-Maschine verstehen
Willkommen in der „Profiliga“ der Stickerei. Der Umstieg auf eine Mehrnadelstickmaschine ist wie der Wechsel vom Alltagsauto zum Rennwagen: schnell, leistungsstark und produktionsfähig – aber nur, wenn du mit einem klaren, wiederholbaren Ablauf arbeitest.
Einfädelprobleme an einem Mehrnadelkopf kommen selten nur von „schlechtem Garn“. In der Praxis sind es fast immer Kleinigkeiten: eine übersehene Führung, ein Knoten, der zu aggressiv durchgezogen wurde, oder ein Faden, der nicht sauber in den Spannungsscheiben sitzt. Diese Anleitung übersetzt das Video in eine Werkstatt-Prozedur, die du Nadel für Nadel identisch abarbeiten kannst – mit weniger Stillstand und mehr Durchsatz.
Du lernst:
- Die Logik des Fadenlaufs: Was „Oberfaden“ vs. „Unterfaden“ bedeutet – und warum beide sich im Stoff „ausbalancieren“ müssen.
- Die Bauteile: Welche Komponenten den Oberfaden führen (Ständer → Führungen → Spannungseinheit → Nadelbereich).
- Die Zuordnung: Wie du Garnpositionen sauber auf Nadelnummern (1–12) abbildest.
- Die Profi-Methode: Wie du Garn schnell wechselst (Tie-On/Knoten alt an neu), ohne die Maschine zu blockieren.
- Der Abschluss: Nadelöhr strikt von vorn nach hinten einfädeln, Faden in der Fadenfangfeder sichern und ca. 3 cm stehen lassen.

Oberfaden vs. Unterfaden – zwei Wege, ein Stichbild
Das Video startet mit einer Grundunterscheidung, die einen Großteil der späteren Fehlerdiagnose erklärt:
- Oberfaden ist der Faden, der durch die Nadel läuft und das sichtbare Motiv bildet.
- Unterfaden ist der Faden, der aus dem Greiferbereich (rotary hook) von unten kommt.
Prinzip „Tauziehen“: Stickerei ist ein kontrolliertes Tauziehen zwischen Ober- und Unterfaden im Stoff.
- Guter Stich: Der Verschlingungspunkt liegt im Material (auf der Rückseite ist der Unterfaden als saubere, schmale „Säule“ sichtbar).
- Oberfadenspannung zu niedrig: Schlaufen/Locken oben oder der Unterfaden wird nach oben gezogen.
- Oberfadenspannung zu hoch: Faden reißt oder das Material zieht sich zusammen (Puckern).
Praxis-Merksatz: Wenn die Vorderseite gut aussieht, die Rückseite aber „Vogelnest“/Schlaufen zeigt, nicht blind an Spannmuttern drehen. Prüfe zuerst, ob der Oberfaden überhaupt korrekt im Fadenweg sitzt – besonders in den Spannungsscheiben. Ein typisches „Vogelnest“ entsteht, wenn der Oberfaden aus den Scheiben herausgesprungen ist und praktisch ohne Widerstand läuft.
Wichtige Bauteile: Spannungseinheit und Führungstuben
Im Video werden die zentralen Komponenten des Oberfadenwegs benannt – du solltest sie im Alltag schnell finden können:
- Garnständer (Thread Stand): Startpunkt/Organisation.
- Führungsrohre/-tuben: Halten die Fäden getrennt und reduzieren Verheddern.
- Oberfaden-Führungsfeder: Erste Führung/Regulierung.
- Spannmutter / Spannungseinheit: „Bremse“ des Systems.
- UTC-Rad (Under Thread Control): Fadenüberwachung/Sensorik.
- Fadenhebel (Take-up Lever): Zieht den Stich an (läuft auf/ab).
- Mittlere Fadenführung: Stabilisiert den Lauf.
- Oberer Fadenfänger: Hält/führt den Faden nach dem Trimmen.
- Nähfuß und Nadel: Übergabe in den Stich.


Profi-Check (Sicht + Gefühl): „Ich glaube, es ist richtig eingefädelt“ ist bei Mehrnadelköpfen keine gute Strategie. Nutze eine feste Mini-Routine:
- Kone: sitzt stabil, Faden läuft frei ab.
- Tube: keine Knoten/Schlaufen, kein Verklemmen.
- Spannungseinheit: Am Faden nahe der Nadel leicht ziehen – du solltest einen gleichmäßigen Widerstand spüren. Wenn es komplett „labberig“ ist, sitzt der Faden oft nicht zwischen den Spannungsscheiben.
- Fadenhebel: sicher durch die Öse geführt.
Warnhinweis (Mechanische Sicherheit): Halte Finger, lose Ärmel, Schmuck und Werkzeuge vom Nadel-/Nähfußbereich fern, sobald die Maschine eingeschaltet ist. Der Nadelbalken bewegt sich sehr schnell; unbeabsichtigte Bewegungen können zu Verletzungen führen. Arbeite im Nadelbereich nur bei Stillstand.
Den Garnständer vorbereiten
Einfädeln geht deutlich schneller, wenn der Garnständer sauber organisiert ist. Der Video-Ablauf setzt voraus, dass du die Konen hinten aufsteckst und jede Position eindeutig einer Nadelnummer zuordnest.

Farben sauber auf Nadelnummern abbilden
Hier verlieren Einsteiger am meisten Zeit: perfekt eingefädelt – aber die falsche Farbe auf der falschen Nadel. In der Produktion ist das ein echter Ausschuss-Treiber.
Das Video zeigt:
- Garnkonen am Ständer auf der Rückseite des Kopfes platzieren.
- Garnposition → Nadelnummer von Nadel 1 bis Nadel 12 zuordnen.
- Die Nadelnummern stehen auf der Logoplatte am Kopf.

Effizienz-Hinweis (Serienproduktion): Lege dir eine feste „Haus-Belegung“ an, wenn du häufig ähnliche Motive fährst.
- Beispiel: Nadel 1 immer Weiß, Nadel 12 immer Schwarz.
- Nutzen: Weniger Umrüst- und Zuordnungsfehler an einer 12-Nadel Stickmaschine.
Führungsklemmen korrekt nutzen
Im Video öffnest du die Führungsklemmen/Clips am Garnständer und führst die Fäden durch die passenden Lochleisten/Platten:
- Hintere Reihe → hintere Platte.
- Mittlere Reihe → mittlere Platte.
- Vordere Reihe → vordere Platte.


Achtung (Kreuzung im Fadenlauf): Wenn ein Faden aus der hinteren Reihe durch die vordere Platte läuft (oder umgekehrt), kreuzen sich die Fäden. Im Laufbetrieb reiben sie aneinander – das erzeugt „Phantom-Spannung“ und kann zu scheinbar zufälligen Fadenrissen führen. Halte die „Spuren“ sauber getrennt.
Prep-Checkliste (Vor dem Einfädeln)
Bevor du den ersten Faden verbindest, kurz diese Punkte prüfen:
- System: Geht es wirklich um den Oberfaden (nicht Unterfaden/Greifer)?
- Nummern: Nadelnummern (1–12) auf der Logoplatte identifiziert.
- Belegung: Konen gesetzt und Position → Nadel eindeutig.
- Clips offen: Führungsklemmen/Knöpfe am Ständer geöffnet.
- Reihenführung: Hintere/mittlere/vordere Reihe korrekt durch die jeweilige Platte.
- Sichtprüfung: Keine Fäden um andere Konen gelegt („Lasso-Effekt“).
- Werkzeug: Schere/Stickschere griffbereit.
Die effiziente Tie-On-Methode
Die Tie-On-Methode (Knoten-/Durchzieh-Methode) ist im Shop-Alltag der schnellste Weg: Statt den kompletten Oberfadenweg neu zu fädeln, knotest du neuen Faden an den alten und ziehst ihn durch.

Neuen Faden an den alten anknoten
Die Reihenfolge ist entscheidend – sonst verlierst du den „Zugfaden“ und musst komplett neu einfädeln.
- Nicht vorab den Faden aus der Maschine ziehen – die Maschine bleibt zunächst eingefädelt.
- Clip/Knopf am Garnständer öffnen.
- Alten Faden an der Kone trennen.
- Alte Kone abnehmen, neue Kone aufsetzen.
- Alten Faden (der in die Maschine läuft) mit dem neuen Fadenende verbinden.
- Beide Enden fest verknoten.

Knoten-Qualität (damit nichts klemmt):
- Kein dicker „Knubbel“.
- Ja zu einem kleinen, festen Knoten (z. B. einfacher Überhandknoten). Die Enden kurz halten.
- Warum? Ein zu großer Knoten bleibt eher in Führungstuben oder an der Spannungseinheit hängen.
Sicher durch die Spannungseinheit ziehen
Hier entscheidet das „Gefühl“ – nicht Kraft.
- Wichtig: Den Knopf/Hebel nahe am Nähfußbereich öffnen (Fadenklemme/Spannungsfreigabe). Wenn du das auslässt, sind die Spannungsscheiben geschlossen und der Knoten kann hängen bleiben oder abreißen.
- Den Faden an der Nadel (Nadelbereich) greifen.
- Den Faden gleichmäßig nach unten ziehen.
- Beobachten, wie der Knoten durch Tuben/Spannungseinheit wandert.
- Ziehen, bis der Knoten unten ankommt.
- Knoten abschneiden und genug Faden zum Einfädeln stehen lassen.




Profi-Test (Widerstand): Ziehe konstant – nicht ruckartig.
- Richtig: gleichmäßiges Gleiten mit wenig Widerstand (weil freigegeben).
- Falsch: es hakt, „sägt“ oder du musst stark ziehen → Stopp. Prüfe zuerst, ob die Freigabe wirklich offen ist und ob der Knoten an einer Führung hängt.
Warnhinweis (Magnet-Sicherheit): Wenn du im Betrieb Magnetrahmen nutzt, beachte: Starke Magnete von Magnetrahmen können Finger einklemmen. Außerdem Magnete von medizinischen Implantaten fernhalten.
Nadelbereich final fertigstellen
Der Knoten hat den neuen Faden transportiert – die letzten Schritte machst du sauber von Hand.
Nadelöhr von vorn nach hinten einfädeln
Das Video ist hier eindeutig:
- Faden von VORN nach HINTEN durch das Nadelöhr führen.

Wenn du es falsch herum machst: Der Faden bildet die Schlaufe nicht korrekt mit dem Greifer – das führt häufig sofort zu Fadenriss oder Fehlstichen.
Fadenende in der Fadenfangfeder sichern
Dieser Schritt verhindert „Fadennester“ beim Start.
- Faden durch das Loch im Nähfuß führen.
- Fadenende sauber kürzen (fransige Enden fädeln schlechter).
- Durch den kleinen Haken an der Nadelklemme führen.
- Faden nach oben ziehen und in die Fadenfangfeder (Catcher Spring) einlegen.


Sitz-Kontrolle: Der Faden muss in der Feder wirklich „greifen“, damit er beim Anfahren nicht aus dem Nadelöhr gezogen wird.
Für einen sauberen Start kürzen
- Regel: ca. 3 cm Fadenende stehen lassen.
- Warum? Zu kurz = Faden rutscht leicht aus dem Nadelöhr. Zu lang = der Anfang wird mit eingestickt und muss später nachgearbeitet werden.
Setup-Checkliste („Startklar“)
- Freigabe: Knopf/Hebel zur Spannungsfreigabe war beim Durchziehen offen.
- Durchzug: Knoten ist vollständig durch, ohne Gewalt.
- Sauberkeit: Knoten ist abgeschnitten (nicht mitnähen!).
- Richtung: Nadelöhr strikt vorn → hinten.
- Führung: Faden läuft durch das Nähfußloch.
- Haken: Faden im Haken der Nadelklemme.
- Fixierung: Faden in der Fadenfangfeder.
- Länge: ca. 3 cm Fadenende.
Häufige Probleme beim Einfädeln – Troubleshooting
Auch erfahrene Operatoren haben gelegentlich Störungen. Nutze diese Logik, bevor du „auf Verdacht“ an Spannungen drehst.
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache | Schnelltest & Lösung |
|---|---|---|
| Knoten bleibt hängen | Spannungsfreigabe nicht geöffnet; Knoten zu groß/Enden zu lang. | Nicht weiter reißen. Freigabe öffnen/prüfen, dann erneut gleichmäßig ziehen. Bei Bedarf neu anknoten – kleiner. |
| Faden fühlt sich „zu locker“ an | Faden sitzt nicht zwischen den Spannungsscheiben; Fadenhebel verpasst. | Fadenweg visuell prüfen, dann Faden nahe der Spannungseinheit erneut korrekt einlegen, bis spürbarer Widerstand da ist. |
| Sofortiger Fadenriss beim Start | Nadel falsch eingefädelt (nicht vorn→hinten); Fadenende zu kurz. | Einfädelrichtung prüfen, ca. 3 cm stehen lassen, Faden in der Fadenfangfeder sichern. |
| „Vogelnest“/Schlaufen auf der Rückseite | Oberfaden hat praktisch keine Spannung (Fadenweg verfehlt). | Oberfadenweg komplett prüfen und korrekt in die Spannungseinheit einlegen. |
Praxisfrage: „Bitte ein detailliertes Video zur Oberfadenspannung“
Aus der Praxis kommt oft der Wunsch nach mehr Detail zur Oberfadenspannung. Das Video zeigt keine Zahlenwerte – und genau das ist der Punkt: Ohne korrekt sitzenden Fadenweg ist jede Spannungsdiskussion sinnlos.
Reihenfolge für die Fehlersuche (erst Setup, dann Spannung):
- Sitzt der Faden sicher in allen Führungen und zwischen den Spannungsscheiben?
- Wurde der Fadenhebel korrekt getroffen?
- Ist die Nadel korrekt eingefädelt (vorn→hinten) und der Faden in der Fadenfangfeder fixiert?
- Erst danach: Feinjustage der Oberfadenspannung.
Warum korrektes Einfädeln Geld spart
Einfädeln ist nicht „Faden durch Löcher“ – es ist die Basis für stabile Spannung, saubere Stiche und planbare Produktion.
Weniger Fadenrisse
Korrekte Führung reduziert Reibung und verhindert Spannungsspitzen. Jeder Fadenriss kostet im Alltag Zeit (Stoppen, zurücksetzen, neu einfädeln, wieder anlaufen).
Wenn du gerade Mehrnadel-Stickmaschinen kaufen vergleichst, achte auf gut zugängliche Fadenwege und eine übersichtliche Spannungseinheit – das macht im Betrieb den Unterschied.
Stichqualität und Spannung – ohne Mythen
Das Video liefert keine festen Spannungswerte, weil Spannung relativ ist und vom Material/Garn abhängt. Der wichtigste Punkt aus dem gezeigten Ablauf bleibt: Erst wenn der Fadenweg mechanisch korrekt ist, sind Spannungsanpassungen überhaupt sinnvoll.
Ergonomie & Workflow: Wenn Einspannen der Engpass ist
In vielen Betrieben ist nicht die Stichgeschwindigkeit der Flaschenhals, sondern das wiederholte Handling. Eine Einspannstation für Maschinenstickerei sorgt dafür, dass Textilien reproduzierbar und schnell positioniert werden.
- Upgrade 1: Eine Magnetische Einspannstation kann das Handling von Magnetrahmen strukturieren.
- Upgrade 2: Systeme wie die hoopmaster Einspannstation sind in der Massenproduktion verbreitet.
- Upgrade 3: Mit mehreren Einspannstation-Setups wechselst du schneller zwischen Positionen (z. B. Brustlogo vs. Rücken).
Abschluss-Check („Go“)
- Zuordnung: Kone-zu-Nadel stimmt?
- Tie-On: Knoten klein und fest?
- Freigabe: Beim Durchziehen geöffnet?
- Einfädeln: Nadel vorn→hinten?
- Fixierung: Faden in der Fadenfangfeder, ca. 3 cm?
- Wiederholen: Alle benötigten Nadeln geprüft?
Ergebnis
Wenn du diese Reihenfolge konsequent einhältst – Bauteile erkennen, Konen zuordnen, Tie-On anknoten, Freigabe öffnen, Knoten sauber durchziehen, Nadel von vorn nach hinten einfädeln und 3 cm in der Fadenfangfeder sichern – ist dein MaYa-Mehrnadelkopf sauber eingefädelt und startbereit.
Goldene Regel: Die Maschine „will“ laufen. Wenn Fäden reißen, ist fast immer ein physischer Grund im Spiel: Reibung, falscher Fadenweg oder eine Blockade. Arbeite die Checkpoints ab – dann wird Einfädeln zur Routine statt zum Zeitfresser.
