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Master-Guide: Die komplett gefütterte „In-The-Hoop“ Reißverschlusstasche
Von frustrierenden Fehlschlägen zum verkaufsfertigen Finish | Das Profi-Whitepaper
Du überspringst jetzt Jahre an Trial-and-Error. Eine komplett gefütterte Reißverschlusstasche ohne offene Kanten komplett im Stickrahmen (ITH) wirkt wie Zauberei – bis du auf einen Metallanschlag triffst oder feststellst, dass du die Tasche „zugenäht“ hast.
Dieser Guide ist nicht nur ein Tutorial, sondern ein belastbares Arbeitsprotokoll. Wir sprechen über das haptische „Gefühl“ für korrekte Spannung, die Physik hinter Volumenmanagement und über Sicherheitszonen, die deine Maschine schützen.

Was wir hier lösen (das „Warum“)
Dieses Projekt ist eine Übung in Lagen-Management. Die häufigsten ITH-Taschen-Probleme sind keine Designfehler – es sind Bedienfehler in der Praxis:
- Die „knisterige“ Tasche: Falsches Vlies sorgt für ein steifes, papieriges Gefühl.
- Der Nadelcrash: Reißverschluss-Schieber/Stopper wird nicht gesichert und gerät in den Stichbereich.
- Die dicke Ecke: Vlies/Volumenvlies wird nicht konsequent bis an die Nahtlinie zurückgeschnitten.
1. Werkzeug & Material (Essentials & „unsichtbare“ Verbrauchsmaterialien)
Kern-Hardware & Datei:
- Maschine: Stickmaschine mit 5x7 Stickrahmen (oder größer).
- Nadel: 75/11 als Standard. 90/14 ist eine Option, wenn du durch deutlich dickere Lagen arbeitest.
- Stickrahmen: Standard 5x7. Hinweis: Wenn du häufig Rahmenabdrücke hast oder dicke Lagen aus dem Rahmen rutschen, siehe „Tool-Upgrade“ weiter unten.
Verbrauchsmaterial für „Stabilität“:
- Stickvlies: Cutaway (mittlere Stärke).
- Warum? Tearaway kann sich mit der Zeit lösen und die Tasche wirkt „knisterig“ bzw. verliert Form. Cutaway bleibt als dauerhaftes „Skelett“ in der Tasche.
- Volumenvlies: Für 5x7 wird im Video Batting/Volumenvlies genutzt (bei größeren Taschen wird im Video alternativ Schaum/Bag-Foam erwähnt).
- Reißverschluss: #3 Nylon-Spiralreißverschluss (wichtig: keine Metallzähne).
Verbrauchsmaterial für „Kontrolle“ (nicht ohne starten):
- Transpore (Medical) Tape oder Malerkrepp: zum Fixieren ohne Klebereste an der Nadel.
- Applikationsschere (Duckbill): um Volumenvlies dicht an der Naht zu schneiden, ohne den Stoff darunter zu verletzen.
- Stiletto: zum Führen/Anlegen von Stoff in Nadelnähe.
- Ecken- und Kantenformer (Point Turner): für saubere Ecken.
Tool-Upgrade: Reibungsfreier Workflow
Einspannen ist oft die Hürde, die Stickerei „anstrengend“ macht. Das wiederholte Festziehen und die Angst vor Rahmenabdrücken (sichtbare Ringe auf empfindlichen Stoffen) sind reale Themen.
- Diagnose: Wenn du mehr Zeit mit dem Kampf im Rahmen verbringst als mit dem Sticken – oder wenn du Re-Einspannen für die nächste Tasche schon im Voraus „fürchtest“…
- Upgrade: Viele Profis wechseln auf einen Magnetrahmen für Stickmaschine.
- Nutzen: Er klemmt mehrere Lagen (Vlies + Volumenvlies + Stoff) schnell und gleichmäßig, ohne dass du sie in einen Innenring „zwingen“ musst. Das reduziert Verzug und Rahmenabdrücke und macht Einspannen für Stickmaschine-Projekte spürbar schneller – und angenehmer für Handgelenke.
Phase 1: Basis & Reißverschluss-Sicherheit (die „Gefahrenzone“)
Das ist die einzige Phase, in der du realistisch eine Nadel brechen kannst. Präzision hier bedeutet später Ruhe.

Schritt 1: Stickvlies einspannen (der „Trommeltest“)
- Einspannen: Cutaway-Stickvlies mittlerer Stärke sauber in den Rahmen einspannen.
- Haptik-Check: Mit dem Finger auf das Vlies tippen – es sollte sich straff wie eine Trommel anfühlen. Wenn es wellig ist oder nachgibt: neu einspannen. Zu lockeres Vlies begünstigt Wellen und Versatz am Reißverschluss.
- Praxis-Hinweis: Im Video steht Präzision klar vor Tempo – arbeite in dieser Phase lieber kontrolliert.
Schritt 2: Platzierungslinien verstehen
- Aktion: Ersten Schritt sticken (Platzierungslinie für den Reißverschluss).
- Bild: Du siehst einen Kasten mit Mittellinie. Außen orientierst du die Reißverschlussbänder, die Mittellinie ist für die Zähnchen/Spirale.

Schritt 3: Reißverschluss einsetzen (kritische Sicherheit)
- Ausrichten: #3 Nylon-Reißverschluss mittig platzieren, die Zähnchen exakt über der gestickten Mittellinie.
- Hardware-Check: Metall-Stopper und Schieber müssen außerhalb des gestickten Kastens liegen (im Video wird explizit gezeigt, dass die Metallteile über die Platzierung hinaus „rausragen“ sollen).
- Fixieren: Reißverschlussband an beiden Enden mit Transpore Tape sichern.
Warnung: METALL-GEFAHR. Der Stichweg darf niemals über Schieber oder Metallstopper laufen. Ein Treffer kann die Nadel beschädigen/zerbrechen und im schlimmsten Fall Folgeschäden verursachen.
Schritt 4: „Flop“-Vermeidung (Schieber sichern)
- Aktion: Schieber so positionieren, dass er außerhalb des Stichbereichs liegt.
- Fixieren: Schieber flach nach außen legen und festtapen (im Video bleibt er für die restlichen Schritte gesichert).
- Warum: Ein loser Schieber kann durch Vibration in den Stichbereich kippen.
Schritt 5: Feststich (Tack-down)
- Aktion: Reißverschluss-Feststich sticken.
- Qualitätsmerkmal: Die Naht läuft parallel zur Spirale – weder in die Zähnchen hinein noch zu weit weg (sonst entstehen später unsaubere Spalten).
Phase 2: Das „Sandwich“ bauen (Haptik & Volumen)
Hier steuerst du die „Puffigkeit“. Ziel: weich und stabil – nicht klobig.

Schritt 1: Rückseitiges Futter (Innen muss genauso sauber sein)
- Aktion: Rahmen aus der Maschine nehmen und umdrehen (Rückseite oben).
- Platzieren: Futterteil A rechts auf links auflegen.
- Ausrichten: Rohkante an der oberen Kante der Reißverschluss-Platzierung ausrichten.
- Fixieren: Mit Tape sichern.
- Praxis-Check: Im Video wird die Orientierung (oben/unten) markiert – besonders wichtig bei richtungsgebundenen Stoffen.

Schritt 2: Vorderseite schichten
- Aktion: Rahmen wieder auf die Vorderseite drehen.
- Lage 1: Stoffteil B (oberes Vorderteil) rechts auf links an der Reißverschlusskante ausrichten.
- Lage 2: Volumenvlies/Batting Teil C obenauf.
- Überlappung: Volumenvlies ca. 1/4" bis 1/2" über das Reißverschlussband legen. Im Video: Die Zähnchen sind der „Tast-Anschlag“ – du kannst sie durch die Lagen fühlen und daran ausrichten.
Schritt 3: Feststich & der „Chirurgen-Schnitt“
- Aktion: Feststich für diese Lagen sticken.
- Kritischer Schnitt: Volumenvlies sehr dicht an der Nahtlinie zurückschneiden (ohne den Stoff darunter zu erwischen). Im Video wird das direkt im/mit eingespanntem Rahmen als besonders kontrollierbar gezeigt.

Profi-Logik: Warum jetzt schneiden? Volumenvlies sperrt beim Umlegen. Wenn es in der Nahtzugabe bleibt, wird die Kante rund und dick. Das Zurückschneiden macht die Kante flach und „gekauft“.

Schritt 4: Umlegen & Absteppen
- Aktion: Stoffteil B nach oben klappen (rechts nach außen).
- Pressen: Fingerpress oder Bügeleisen für eine scharfe Kante direkt am Reißverschluss.
- Absteppen: Nächsten Schritt sticken, um die Kante zu sichern.
Checkliste vor Phase 3
- Reißverschluss-Hardware: Schieber/Stopper sicher außerhalb des Stichwegs?
- Schieber fixiert: So getapet, dass er nicht zurück „wandern“ kann?
- Unterfaden: Reicht die Unterfadenspule für die folgenden dichten Bereiche? (Sichtcheck).
- Rückseite kontrolliert: Hat sich das Futter beim erneuten Einsetzen irgendwo hochgerollt?
Phase 3: Tasche/Diagonalteil & saubere Optik
Hier geht es um Deckkraft, Versatz und darum, dass später nichts „durchschattet“.

Schritt 1: Rückseitiges Taschenteil/Futter unten
- Aktion: Rahmen auf die Rückseite drehen. Teil D passend an der Reißverschluss-Platzierung ausrichten.
- Fixierstrategie: Im Video wird zusätzlich zum Tape auch das Sichern mit Nadeln gezeigt (außerhalb des Stichzentrums), damit lange Stoffenden nicht in den Stichbereich geraten.

Schritt 2: Vorderes Taschenteil schichten
- Aktion: Auf der Vorderseite Teil E (rechts auf links) plus Volumenvlies obenauf platzieren und feststicken.
- Trimmen: Volumenvlies wieder dicht an der Nahtlinie zurückschneiden, um Volumen aus der späteren Naht zu nehmen.

Schritt 3: Diagonale Tasche (die „Deckkraft-Falle“)
- Platzieren: Teil G (diagonales Vorderteil) wird rechts nach oben aufgelegt (im Video ausdrücklich so gezeigt).
- Aktion: Feststich sticken.

- Wichtiger Hinweis aus dem Video: Wenn du verhindern willst, dass dunkle Unterlagen durch einen hellen Diagonalstoff scheinen, musst du die Unterlagen vor dem endgültigen Fixieren/Abdecken entsprechend zurückschneiden. (Im Video wird dieser Punkt als „mein Fehler“ erwähnt – als Lernpunkt für die Reihenfolge.)
- Trimmen: Nur die Diagonalkante dicht an der Nahtlinie schneiden. Die Seiten nicht kürzen – sie müssen in der finalen Außennaht mitgefasst werden.
Checkliste vor Phase 4
- Keine Schatten: Unterlagen bei Bedarf vorab zurückgeschnitten?
- Nahtzugaben schlank: Volumenvlies konsequent aus allen Nahtzugaben entfernt?
- Stoffenden gesichert: Nichts kann in den Stichbereich kippen?
Phase 4: Das „Make-or-Break“-Finish
Du bist wenige Minuten vor „fertig“ oder „ruiniert“. Jetzt entscheidet der Reißverschluss.

Schritt 1: Weg freimachen
- Aktion: Rahmen auf die Rückseite drehen.
- Schneiden: Stickvlies hinter den Reißverschlusszähnchen vorsichtig einschneiden und entfernen.
- Werkzeug: Kleine, scharfe Schere verwenden. Reißverschlussband nicht verletzen.

Schritt 2: Reißverschluss-Öffnen-Protokoll (Pflicht)
- Aktion: Tape vom Schieber lösen.
- Öffnen: Reißverschluss so weit öffnen, dass du später sicher wenden kannst (im Video: „so weit wie möglich“, dabei den Schieber möglichst aus der Nadelmitte fernhalten).
- Warum: Wenn du die Tasche mit geschlossenem Reißverschluss final zusammennähst, kannst du sie nicht auf rechts wenden.
- Sichern: Schieber in der geöffneten Position erneut fixieren, damit er nicht zurück in den Stichbereich rutscht.
Schritt 3: Finales Sandwich (der „Burrito“)

- Vorderseite: Rückteil Stoff H (rechts auf links) über das komplette Projekt legen. Volumenvlies J obenauf.
- Rückseite: Rahmen wenden. Futter K (rechts auf links) auf der Rückseite komplett abdecken.
- Fixieren: Ecken (und bei Bedarf Kanten) mit Tape sichern; im Video wird zusätzlich das Anpinnen empfohlen, damit das Futter nicht unter die Nadel „kriecht“.
Produktionstipp: Bei vielen Lagen kann ein Standardrahmen schwer schließen und es kommt zu „Pop-outs“. Hier spielen Magnetrahmen ihre Stärke aus: Sie schnappen über die Materialstärke, ohne Schraubenstress.
Schritt 4: Außennaht sticken
- Aktion: Letzte Sequenz sticken – sie formt die Tasche.
- Hinweis: Achte darauf, dass alle Lagen wirklich flach liegen und nichts gefaltet in die Naht gerät.
Phase 5: Die Geburt der Tasche (Fertigstellen)

- Ausspannen: Projekt aus dem Rahmen nehmen.
- Zurückschneiden: Rundum auf ca. 1/4" Nahtzugabe zurückschneiden.
- Praxis-Hinweis aus dem Video: Reißverschlussband-Enden lieber länger lassen, damit nichts ausfranst und die Enden belastbarer bleiben.
- Ecken ausklinken: Ecken diagonal zurückschneiden, ohne die Naht zu treffen.
- Wenden: Durch die Öffnung und durch den geöffneten Reißverschluss auf rechts wenden.
- Ecken ausformen: Mit dem Point Turner vorsichtig ausarbeiten (lieber mit der breiteren Seite arbeiten, damit du nicht durch den Stoff stichst).
- Wendeöffnung schließen: Nahtzugaben nach innen legen und mit Steam-A-Seam 2 plus Bügeleisen fixieren – alternativ per Hand schließen.
Entscheidungslogik: Vlies- & Einspann-Strategie
Nicht jede Tasche ist gleich. Nutze diese Logik, um deinen Aufbau zu wählen.
- Szenario A: Standard-Täschchen (flexibel)
- Stickvlies: Cutaway mittlere Stärke.
- Volumen: Batting/Volumenvlies.
- Ergebnis: Weich, formstabil, alltagstauglich.
- Szenario B: Größere Taschen (mehr Stand gewünscht)
- Hinweis aus dem Video: Bei größeren Formaten wird statt Batting häufig Schaum/Bag-Foam genutzt.
- Ergebnis: Deutlich mehr Struktur.
- Szenario C: Produktion/Serienfertigung (Shop/Bestellungen)
- Engpass: Einspannen kostet Zeit und erzeugt Ausrichtungsfehler.
- Lösung: Eine Magnetische Einspannstation.
- Logik: Eine Station sorgt dafür, dass jedes Teil im gleichen Winkel sitzt. In Kombination mit Magnetrahmen für Stickmaschine reduzierst du Rüstzeit und steigerst die Wiederholgenauigkeit.
Troubleshooting (Symptom → Diagnose → Lösung)
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache | Lösung |
|---|---|---|
| Nadel bricht | Schieber oder Metallstopper im Stichweg. | Vorbeugung: Schieber konsequent nach außen legen und festtapen; vor dem Start prüfen, ob Metallteile außerhalb der Platzierung liegen. |
| Ecken werden rund/klobig | Zu viel Volumenvlies in der Nahtzugabe. | Technik: Volumenvlies direkt nach dem Feststich dicht an der Nahtlinie zurückschneiden. |
| Rahmenabdrücke auf empfindlichen Stoffen | Reibung/Druck durch Innenring. | Tool: Auf Magnetrahmen wechseln oder Stoff auf geeignetem Vlies „floaten“. |
| Tasche lässt sich nicht wenden | Reißverschluss vor dem finalen Zusammennähen nicht geöffnet. | Rettung: Naht vorsichtig öffnen, Reißverschluss mit Werkzeug aufziehen, Naht erneut schließen. |
| Stoff verschoben / Passung stimmt nicht | Lagen beim Fixieren nicht ausreichend gesichert. | Vorbeugung: Tape strategisch setzen, lange Stoffenden zusätzlich sichern (z. B. anheften/abstecken außerhalb des Stichbereichs). |
Sicherheitswarnung: Magnetrahmen
Warnung: Magnetrahmen arbeiten mit starken Neodym-Magneten.
* Quetschgefahr: Finger aus dem „Schnappbereich“ halten.
* Elektronik: Abstand zu Implantaten (z. B. Herzschrittmacher), Kreditkarten und empfindlichen Datenträgern halten.
Schlussgedanken: Vom Hobby zur Profi-Routine
Eine ITH-Reißverschlusstasche ist mehr als ein schnelles Projekt – sie schult Prozessdenken. In der Maschinenstickerei gilt: Vorbereitung ist 90%.
Wenn du den Prozess liebst, aber die Rüstzeit hasst, gibt es Werkzeuge, die genau diese Lücke schließen. Ob du wegen effizientem Einspannen für Stickmaschine hier bist oder weil du reproduzierbar bessere Ergebnisse willst: Professionelle Workflows – bis hin zu Systemen rund um eine hoop master Einspannstation – machen aus „Gefummel“ eine saubere Routine.
Jetzt: Reißverschluss auf, flach pressen, Ecken ausformen – und das Finish genießen. Du hast das gemacht.
