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Einführung: ITH-Geschenkkartenhalter
Kleine „In-the-Hoop“-Projekte (ITH) sind ideal, um Stickerei und saubere Konfektionierung in einem überschaubaren Workflow zu verbinden. Sie sind schnell wiederholbar, gut zu verschenken und – wenn du sauber arbeitest – ohne klassisches Schnittmuster umsetzbar. In dieser praxisorientierten Anleitung setzt du einen Filz-Geschenkkartenhalter mit der OESD Winter Sentiments Card Collection um.
Dabei geht es nicht nur ums „Nachsticken“, sondern um ein kontrolliertes Vorgehen wie in der Werkstatt: Filz als nicht gewebtes Material richtig stabilisieren, dickes Garn beherrschen (inkl. Spannungs- und Geschwindigkeitsanpassung) und anschließend sauber auf Nähmodus umstellen, um eine verkaufsfähige Kante mit Zierstich und Bandgriff zu erhalten.

Was du lernst (und worauf du achten solltest)
Wir zerlegen den Ablauf aus dem Video in einen reproduzierbaren Prozess:
- Materialverhalten: Filz stabilisieren und sticken, ohne Rahmenspuren oder Verzug.
- Dickes Garn kontrollieren: Wechsel von 40 wt auf 12 wt, ohne Fadenrisse und ohne „Vogelnest“ im Greiferbereich.
- Hybrid-Workflow: Brother Stellaire 2 von Stickeinheit auf Nähbetrieb umbauen.
- Finish & Zuschnitt: Pinking Blade am Rollschneider für gleichmäßige, „kommerzielle“ Kanten.
Warum Bastelfilz?
Filz ist ein nicht gewebtes Material. Er franst nicht wie Webware, ist aber druckempfindlich: Er lässt sich komprimieren und „merkt“ sich Druckstellen.
Risiko: Wenn du zu fest in einen Standard-Stickrahmen einspannst, kann der Innenring die Fasern dauerhaft quetschen – sichtbare Rahmenspuren. Praxislösung: Genau deshalb greifen viele Profis bei Filz gern zu Magnetrahmen, weil sie flächig klemmen statt punktuell zu pressen. Mit Standardrahmen geht es ebenfalls – aber die Einspanntechnik entscheidet über die Optik.
Das passende OESD-Design wählen
Im Video wird die OESD Winter Sentiments Card Collection verwendet. Entscheidend ist hier nicht nur das Motiv, sondern die Stichdichte: Filz kann bei zu dichter Penetration „perforieren“ (wie eine Briefmarke). Das gezeigte Design ist eher offen aufgebaut und damit für Filz gut geeignet.
Material & Garn: Auswahl mit System
Dieses Projekt ist ein kleines „Garn-Labor“: Du wählst nicht nur Farben, sondern steuerst Fadendurchmesser, Reibung und Spannungsfenster.

Madeira, King Tut und Spaghetti im Vergleich
Im Video werden drei Garntypen gegenübergestellt:
- Madeira (40 wt): Standard im Maschinenstickbereich, läuft „unauffällig“ und zuverlässig.
- King Tut (40 wt): 2-fädig, eher matt/quiltingartig im Look.
- WonderFil Spaghetti (12 wt): sehr dick, stark texturiert.
Merksatz: 40 wt ist „fein“, 12 wt ist „voluminös“. Beim Wechsel auf 12 wt muss deutlich mehr Material durch Nadelöhr und Fadenführung – bei Standardsettings steigt Reibung, das Garn kann aufrauen, reißen oder unten ein Vogelnest bilden. 12 wt liefert dafür den gewünschten „handgenähten“ Effekt.
Nadelwahl für dickes Garn
Regel: Platz schaffen. Die Host wechselt auf eine Jeans-/Leder-Nadel, weil das Öhr größer ist. Warum das wichtig ist: Bei zu kleinem Öhr wirkt die Nadel wie eine Reibkante – das Garn wird „abgeschabt“ und reißt.
- Praxis-Tipp (aus dem Draft): Für 12 wt wird häufig eine 100/16 Topstitch- oder Jeans-Nadel empfohlen, damit das Garn sauber laufen kann.
Warnhinweis: Nadeln und Schneidwerkzeuge sind bei „kleinen Projekten“ die häufigste Verletzungsquelle. Finger aus dem Nähbereich halten, vor dem Umpositionieren anhalten, und Fadenenden sofort kürzen, damit sie sich nicht im Nadelbereich verheddern.
Fadenspannung & Geschwindigkeit bei 12 wt
Bei 12 wt ist Spannung kein „Einmal einstellen und vergessen“. Im Video werden zwei zentrale Anpassungen gemacht:
- Geschwindigkeit stark reduzieren: Die Maschine wird auf die langsamste Geschwindigkeit gestellt.
- Oberfadenspannung absenken: von ca. 4 auf 2.
Praxis-Check: Wenn du bei angehobenem Nähfuß am Oberfaden ziehst, sollte es gleichmäßig mit leichtem Widerstand laufen – nicht „bretthart“.
Maschineneinrichtung: Brother Stellaire 2
Die Demo nutzt die Brother Stellaire 2 als Kombimaschine (Sticken + Nähen).

Design laden
Vorbereitung: Datei per USB laden und Farben zuordnen. Workflow-Hinweis: Wenn du mehrere Stücke planst, arbeite in Chargen (einmal laden, mehrfach sticken), damit du nicht ständig neu einrichtest.
Einspannen mit Tear-Away-Stickvlies
Im Projekt wird Floriani Medium Weight Tearaway Stabilizer verwendet (Medium Tear-Away).
Warum Tear-Away hier passt: Filz ist formstabil und dehnt sich kaum. Das Vlies dient primär dazu, das Material im Stickrahmen sauber zu führen. Cut-Away wäre in diesem Projekt meist unnötig dick und würde innen auftragen.
Einspanntechnik (praxisnah):
- Plan auflegen: Erst Vlies, dann Filz.
- Glattstreichen: Ohne Zug, nur ausrichten.
- Innenring einsetzen: Nicht „reindrücken“ mit Gewalt.
- Gefühlskontrolle: Straff wie eine Trommel – aber die Schraube nicht so fest, dass du Werkzeug brauchst. Wenn der Filz am Rand sichtbar „weiß wird“/komprimiert, ist es zu fest und Rahmenspuren sind wahrscheinlich.
Workflow-Upgrade: Wenn du mehrfach neu einspannen musst oder die Ausrichtung schwankt:
- Level 1: Eine Einspannstation bringt reproduzierbare Positionierung.
- Level 2: Magnetische Einspannsysteme reduzieren Schraubarbeit und helfen, Rahmenspuren bei Filz zu minimieren.
Warnhinweis: Magnetrahmen sind Werkzeuge. Starke Magnete können Finger einklemmen und sind in der Nähe bestimmter medizinischer Implantate problematisch. Sicher lagern und nicht unkontrolliert „zuschnappen“ lassen.
Vorbereitung für die Konfektion
Der Übergang vom Sticken zur Konfektion ist der Punkt, an dem viele Fehler passieren. Arbeite hier bewusst Schritt für Schritt.

Schritt 1 — Stickerei abschließen (Video Schritt 1)
Ziel: Motiv fertig sticken, ohne Versatz.
Ablauf (wie gezeigt):
- Letzte Stiche aussticken lassen.
- Fertigmeldung am Display bestätigen.
- Sicherheitsstopp: Nähfuß (und idealerweise die Nadel) anheben, bevor du den Stickrahmen berührst.
- Stickrahmen aus der Maschine nehmen.
Kontrollpunkte:
- Rückseite prüfen: Liegt ein großes „Vogelnest“? (Dann war die Oberfadenspannung zu niedrig oder falsch eingefädelt.)
- Vorderseite prüfen: Liegen die Stiche sauber auf, ohne Schlaufen?
Erwartetes Ergebnis: Sauber bestickter Filz ohne Wellenbildung.

Schritt 2 — Stickvlies entfernen (Video Schritt 2)
Ziel: Vlies entfernen, ohne Stiche zu verziehen.
Ablauf (wie gezeigt):
- Mit dem Daumen die Stickerei abstützen.
- Tear-Away vom Motiv weg abreißen (nicht in die Stiche hinein ziehen).
- Kleine Reste in engen Bereichen drinlassen – das Herauspopeln kann Fäden beschädigen.
Erwartetes Ergebnis: Rückseite ist flexibel, ohne „Papierbrett“-Gefühl.

Praxis-Tipp: Wenn das Tear-Away sehr „krümelig“ reißt und viele Schichten stehen bleiben, ist es ggf. ein sehr festes/„crisp“ Vlies. Für sauberes Entfernen bei Filz funktioniert Medium Tear-Away in der Regel besser.
Versteckte Verbrauchsmaterialien & Checks (nicht überspringen)
Bevor du in Serie gehst, stelle sicher, dass du die Basics griffbereit hast:
- Fadenschere/gebogene Snips: Sprungstiche sauber bündig schneiden.
- Sauberer Arbeitsbereich: Filz fusselt – halte den Bereich um Spule/Greifer frei.
Checkliste vor dem nächsten Stück
- Design geladen: Ausrichtung stimmt (nicht auf dem Kopf).
- Einspannen: Filz liegt plan; keine sichtbaren Rahmenspuren durch Überdruck.
- Nadel/Garn: Bei 12 wt: Jeans-/Leder-Nadel wie im Video (bzw. passende Nadel mit größerem Öhr).
- Maschinensettings: Langsamste Geschwindigkeit; Oberfadenspannung ca. 2.
- Zuschnitt-Setup: Schneidematte frei; Klinge scharf.
Einspannsystem für Stickmaschine
Zuschnitt mit Pinking Blade (Video Schritt 5)
Jetzt geht es vom Sticken in die Fertigung. Die gezackte Kante ist nicht nur Deko – sie wirkt gleichmäßiger und „fertiger“.

Warum das zählt: Mit Schere wird es schnell ungleichmäßig. Rollschneider + Lineal liefern wiederholbare Kanten.

Methode aus dem Video (Schritt 5):
- Anlegen: Lineal (Quilters Select) ca. 1/4 inch vom Motivrand positionieren.
- Schneiden: Rollschneider mit Pinking Blade in einem gleichmäßigen Zug führen.
- Abstand halten: Nicht zu nah an die Stickerei, damit keine Stiche angeschnitten werden.
Erwartetes Ergebnis: Saubere, gleichmäßige Zickzack-Kante.
Umbau auf Nähmodus (Video Schritt 3)
Die Maschine wird für das Zusammennähen umgerüstet.

Ablauf (wie gezeigt):
- Kurz sichern: Die Host schaltet die Maschine/Einheit kurz aus, bevor umgebaut wird.
- Stickeinheit abnehmen: Entriegeln und abziehen.
- Anschiebetisch/Flachbett montieren: Standard-Nähtisch anbringen.
- Fußwechsel: Stickfuß abschrauben, Schaft montieren und Nähfuß N einsetzen.

Kontrollpunkte:
- Transporteur muss für Nähen oben sein (für Stickerei ist er häufig abgesenkt).
- Am Display wirklich in den Nähmodus wechseln.
Endmontage
Aus einer flachen Stickerei wird ein kleines 3D-Produkt – hier entscheidet saubere Führung.
Zierstich einstellen (Video Schritt 4)
Die Host wählt einen dekorativen Schneeflocken-/Sternstich (Stich #3) und stellt die Stichlänge auf 4,5 mm.


Warum 4,5 mm sinnvoll sind: Sehr kurze Zierstiche können Filz unnötig perforieren. Mit längerer Stichlänge bleibt die Kante stabil und der Zierstich wirkt klarer.
Schritt-für-Schritt — Falten, Band einsetzen, zusammennähen (Video Schritt 6)
Ziel: Vorder- und Rückseite verbinden und die Band-Schlaufe als Griff sicher mitfassen.
Ablauf (wie gezeigt):
- Falten: Filz exakt zur Hälfte legen, Kanten bündig.
- Positionieren: Unter Nähfuß N legen; die Mittellinie/Markierung am Fuß als Führung nutzen.
- Nähen: Zierstich starten.
- Band einsetzen: Oben an der Ecke eine Band-Schlaufe zwischen die Lagen schieben (mittig/so platziert, dass es ein Griff wird).
- Fixieren: Über das Band weiter nähen, damit es fest sitzt.
- Ecken drehen: Mit Nadel unten anhalten, Fuß anheben, drehen, weiter nähen.



Qualitätskontrolle:
- Band sitzt: Kurz am Griff ziehen – er darf sich nicht herausarbeiten.
- Ecken sauber: Drehpunkte gleichmäßig, keine „Treppen“.
Erwartetes Ergebnis: Stabiler, sauberer Geschenkkartenhalter.
Setup-Checkliste (direkt vor der Naht)
- Modus: Stickeinheit ab; Nähtisch dran; Transporteur oben.
- Nähfuß: Fuß N sitzt fest.
- Stich: Dekorstich #3; Stichlänge 4,5 mm.
- Material: Filz gefaltet; Band bereit zum Einlegen.
- Nadelstopp: „Unten“ zum sauberen Drehen.
Ablauf-Checkliste (während des Nähens)
- Führung: Kante läuft konstant an der Fuß-Markierung.
- Band: Rechtzeitig vor der Ecke eingelegt und mitgefasst.
- Drehen: Nadel unten → Fuß hoch → drehen → Fuß runter.
- Finish: Verriegeln/Nahtende sichern (maschinenabhängig) und Fäden sofort kürzen.
Ideen zum Variieren & Skalieren
Wenn der Ablauf sitzt, kannst du effizienter arbeiten:
- Batching: 10x sticken → 10x zuschneiden → einmal umbauen → 10x nähen.
- Optik: Mit Effektgarnen (z. B. 12 wt) bekommst du ohne Motivwechsel einen deutlich „handgemachten“ Look.
Magnetrahmen für Stickmaschine
Entscheidungsbaum: Stickvlies + Workflow bei Filz
Wenn die Qualität schwankt, hilft ein schneller Diagnosepfad:
- Puckert der Filz im Motivbereich?
- JA → Vlies zu leicht oder Einspannung instabil. Medium Tear-Away verwenden (wie im Video) oder eine zusätzliche Lage testen.
- NEIN → weiter zu 2.
- Gibt es sichtbare Rahmenspuren/„gequetschte Ringe“?
- JA → Einspannung anpassen.
- Option A: „Floating“ (nur Vlies einspannen, Filz oben auflegen/temporär fixieren).
- Option B: Magnetrahmen, um Druckstellen zu reduzieren.
- NEIN → weiter zu 3.
- JA → Einspannung anpassen.
- Ist die Ausrichtung von Stück zu Stück inkonsistent?
- JA → Mechanische Hilfe nutzen.
- Option A: Markierungen setzen.
- Option B: Einspannstation für wiederholbare Passung.
- JA → Mechanische Hilfe nutzen.
Qualitätskriterien
Pass/Fail für ein fertiges Teil:
- Optik: Keine Schlaufen/„weißen Grinser“ durch falsche Spannung.
- Kante: Gleichmäßig gezackt, keine angeschnittenen Stickstiche.
- Stabilität: Bandgriff hält Zug aus.
- Sauberkeit: Keine Filzfasern im Naht-/Stichbild.
Troubleshooting
Fehlerbilder lassen sich über Ursache → Schnellcheck → Lösung eingrenzen.
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache (Warum) | Lösung (Wie) |
|---|---|---|
| Garn franst/reißt | Nadelöhr zu klein für 12 wt, zu viel Reibung. | Nadel wechseln: Jeans-/Leder-Nadel wie im Video (größeres Öhr) bzw. passende Nadel mit größerem Öhr einsetzen. |
| Vogelnest unten (Unterfadenbereich) | Oberfaden nicht sauber in den Spannungsscheiben oder Spannung zu niedrig. | Einfädeln prüfen und Spannung minimal erhöhen (z. B. von 2 auf 2,5), wenn nötig. |
| Stickrahmen hält schlecht / Material rutscht | Filz ist dick/glatt, Standardrahmen greift nicht optimal. | Technik: Innenring rutschhemmend machen oder als Upgrade: Magnetrahmen für besseren Halt. |
| Filz „perforiert“/reißt an der Naht | Stichdichte zu hoch oder Zierstich zu kurz. | Maschine: Stichlänge auf 4,5 mm (wie gezeigt) erhöhen. |
| Bandgriff rutscht heraus | Band nicht weit genug zwischen die Lagen gelegt oder beim Nähen verrutscht. | Positionierung: Band tiefer einlegen und beim Ansticken kontrolliert festhalten (Fingerabstand wahren). |
Ergebnis
Du hast Filz sauber bestickt, das Tear-Away korrekt entfernt, die Brother Stellaire 2 auf Nähmodus umgebaut und den Halter mit Zierstich, gezackter Kante und Bandgriff fertiggestellt. Der Unterschied zwischen „selbstgemacht“ und „professionell“ steckt hier in den Details: kontrollierte Spannung bei 12 wt, saubere Ecken mit Nadelstopp unten und ein gleichmäßiger Zuschnitt.
Nächster Schritt: Wenn Einspannen und Ausrichten dein Engpass sind (Zeitverlust, schwankende Passung), lohnt sich die Bewertung deiner Ausstattung – Einspannstationen und Magnetrahmen sind in der Praxis oft der Hebel für reproduzierbare Qualität.
