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Endlosbordüren meistern: Das „Invisible-Join“-Protokoll
Wenn du schon einmal einen bestickten Saum an Rock, Tunika oder einem langen Tischläufer gemacht hast, kennst du diese ganz spezielle Anspannung beim „Übergang“: die Sorge, dass das Muster nicht sauber trifft – und am Ende eine Lücke oder eine Überlappung entsteht, die sofort nach „selbst gemacht“ aussieht.
Mit der Repeat-Funktion der Baby Lock Altair – kombiniert mit einem disziplinierten Workflow – lässt sich genau diese Unsicherheit stark reduzieren. Wir gehen dabei bewusst über simples „Kopieren und Einfügen“ hinaus und behandeln das Ganze wie eine technische Passungsaufgabe.
In diesem Leitfaden lernst du das „Invisible-Join“-Protokoll:
- Design-Architektur: Wie du in IQ Designer ein stabiles Motiv aufbaust und mit „Gruppieren“ die Geometrie verriegelst.
- Der physische Anker: Wie du mit „Thread Tags“ plus Kontrastmarkern reproduzierbare Passpunkte im Sub-Millimeter-Bereich erzeugst.
- Die digitale Brücke: Wie die IQ Positioning App die Realität der Einspannung erfasst – nicht nur die Theorie am Bildschirm.
- Sicherheits-Checks: Welche visuellen und haptischen Prüfungen dir bestätigen, dass du wirklich „stichsicher“ starten kannst.
Ziel ist nicht nur ein fertiges Projekt, sondern ein wiederholbarer, stressarmer Ablauf, bei dem jedes Einspannen ein kontrollierter, überprüfbarer Schritt ist.

Phase 1: Das „Master-Tile“ in IQ Designer erstellen
Das Geheimnis einer nahtlosen Bordüre ist ein stabiles „Master-Tile“ – eine einzelne, gruppierte Einheit, die sich beim Wiederholen vorhersehbar verhält. Wir bauen diese Einheit direkt in IQ Designer an der Maschine.
Die „Scallop-to-Oval“-Technik
Die Vorlage zeigt eine clevere Bearbeitung: Aus einer eingebauten, linearen Scallop-Form wird durch Duplizieren und Drehen ein geschlossener Rahmen konstruiert.
- Element auswählen: Scallop-Design aus der Formen-/Shape-Bibliothek laden.
- Duplizieren und drehen: Kopie erstellen und um 90 Grad drehen.
- Manuell andocken: Teile so verschieben, bis sie sauber aneinanderstoßen.
- Sichtkontrolle: Stark hineinzoomen. Du suchst den Punkt, an dem die Linien wirklich treffen – ohne deutlich übereinander zu liegen.
- Wiederholen: So lange fortsetzen, bis ein geschlossener Oval-Rahmen entsteht.

Der entscheidende Schritt: Gruppieren
Warum das bei Einsteigern oft scheitert: Wenn du die vier Scallops als einzelne Objekte lässt und dann „Repeat“ nutzt, berechnet die Maschine Abstände über die jeweiligen Begrenzungsrahmen. Kleine Ungenauigkeiten addieren sich. Nach mehreren Wiederholungen wirkt die Bordüre schnell „schief laufend“.
Die Lösung: Alle Teile auswählen und Gruppieren.
- Aktion: Mehrfachauswahl -> alles markieren -> Gruppieren.
- Ergebnis: Die Maschine behandelt das Oval als ein einziges Objekt (dein „Tile“).
Das Innenmotiv aufbauen
Als nächstes wird der Rahmen gefüllt. Im Video wird eine Blume erstellt, verkleinert und mit konkreten Sticharten versehen.
- Form wählen: Blumenmotiv auswählen.
- Sticharten zuweisen:
- Mitte: Candlewicking (für einen fühlbaren 3D-Effekt).
- Blütenblätter: Double-Run (sauber, geringe Dichte).
- Logik beim Skalieren: Wenn du deutlich verkleinerst, „Recalculate Stitches“ unbedingt EIN schalten.
- Warum: Ist es aus, bleibt die Stichanzahl gleich, während die Fläche kleiner wird – das Ergebnis wird zu dicht und steif. Mit Neuberechnung bleibt das Stickbild „tragbar“ und der Stoff fällt besser.

Phase 2: Die Physik des Einspannens (wo 90% der Fehler entstehen)
Software ist präzise – Stoff ist beweglich. Der häufigste Grund, warum lange Bordüren „driften“, ist nicht die Maschine, sondern das Einspannen.
Materiallogik: Stoff & Stickvlies kombinieren
In der Demonstration wird ein leichter Baumwoll-/Leinenmix mit Floriani Wet N Gone Tacky (auswaschbar, klebrig) verwendet.
- Die Idee: „Tacky“-Vlies fixiert den Stoff zusätzlich, damit er bei hoher Geschwindigkeit weniger wandert.
- Wichtige Einordnung: Auswaschbares Vlies ist nach dem Auswaschen weg – die Stabilisierung bleibt also nicht dauerhaft im Projekt. Das ist für leichte, nicht extrem dichte Stickereien sinnvoll, aber du solltest dir bewusst sein, dass nach dem Entfernen keine „Trägerschicht“ mehr vorhanden ist.
Der „Trommelfell“-Standard
Beim Einspannen erzeugst du Zug in mehrere Richtungen.
- Haptik-Check: Auf den eingespannten Stoff tippen. Er soll straff wirken (taut), aber nicht überdehnt.
- Mittellinie: Eine physische Mittellinie mit Kreidestift (oder alternativ eine gebügelte Falz) anlegen.
- Aktion: Diese Linie beim Einspannen exakt zwischen den beiden Mittelmarkierungen des Stickrahmens ausrichten.

Produktions-Engpass: Einspann-Müdigkeit
Für ein einzelnes Teil ist ein Standardrahmen oft okay. Wenn du aber viele Wiederholungen machen musst (oder deine Hände/Handgelenke das Einspannen nicht mehr „fehlerfrei“ mitmachen), werden Standardrahmen schnell zum Variablenfaktor.
- Trigger: Spannst du dasselbe Kleidungsstück für eine Bordüre mehrfach neu ein? Werden die Handgelenke müde? Siehst du Rahmenabdrücke (glänzende, gequetschte Ringe), die sich schlecht entfernen lassen?
- Kriterium: Wenn du gefühlt mehr Zeit mit Einspannen als mit Sticken verbringst, lohnt sich ein Upgrade der Spanntechnik.
- Praxislösung: Viele Profis arbeiten mit einer Einspannstation für Stickmaschinen. Der Außenrahmen liegt stabil in der Station, du hast beide Hände frei zum Glattstreichen – und bekommst die Fadenläufe/den Stoffverlauf reproduzierbarer gerade.
Zusätzlich sind zur Reduzierung von Rahmenabdrücken auf empfindlichen Stoffen magnetic hoops for babylock embroidery machines eine gängige Upgrade-Option: Sie halten über Magnetkraft statt über harte Klemmreibung und reduzieren so das „Quetschen“ der Fasern.
Warnung: Physische Sicherheit
Quetschgefahr: Standardrahmen können zuschnappen. Magnetrahmen bergen ein noch höheres Risiko – sie können mit großer Kraft zusammenziehen. Finger konsequent aus den Kontaktflächen halten.
Nadel-/Fuß-Freiraum: Vor „Start“ prüfen, ob die Rahmenhöhe unter dem Nähfuß/der Stickeinheit frei läuft.
Prep-Checkliste: Die „versteckten Verbrauchsmaterialien“
Bevor du in den Repeat-Workflow gehst, leg dir diese oft übersehenen Helfer bereit:
- Kontrastmarker: Auffälliges Stick-/Klebeband oder kleine Papierstücke (für die Sichtbarkeit der Passpunkte).
- Schere zum Abtrennen: Zum späteren sauberen Entfernen der Thread Tags.
- Markierhilfe: Kreidestift/auswaschbarer Marker für die Mittellinie.
Phase 3: Das „Thread-Tag“-Ankersystem
Damit zwei Stickabschnitte „unsichtbar“ zusammenlaufen, darfst du nicht schätzen. Du brauchst physische Vermessungspunkte.
Thread Tags setzen
Im „Edit“-Bereich lassen sich Layout-Marker setzen – kleine Markierstiche, die am Ende gestickt werden.

Das Problem: Bei Ton-in-Ton (z. B. helles Garn auf hellem Stoff) sind diese Markierstiche kaum zu sehen. Wenn du sie nicht siehst, kannst du nicht sauber darauf ausrichten.
Die Lösung: Hochkontrast-Ziele.
- Aktion: Genau dort, wo der Eck-Tag gestickt wird, ein kleines Stück Stickband oder ein Stück Papier (z. B. „Junk Mail“) platzieren.
- Ergebnis: Der Tag wird durch Band/Papier gestickt – und ist beim Fotografieren/Positionieren deutlich erkennbar.

Logik der Platzierung
Constraint-Check: Die Thread Tags müssen innerhalb der stickbaren Fläche liegen – nicht nur „im Rahmen“. Zu nah am Kunststoffrand kann es passieren, dass die Maschine den Punkt nicht anfahren bzw. nicht sticken kann.
Phase 4: Präzise Ausrichtung mit IQ Positioning
Jetzt verbinden wir die reale Einspannung mit dem digitalen Layout.
1. Capture (Aufnahme)
- Tool: IQ Positioning App (iPad/Tablet).
- Aktion: Gerät parallel über den Stickrahmen halten.
- Sichtzeichen: Warten, bis die App den Rahmen sauber erkennt und die Aufnahme „einrastet“.

2. Alignment (Ausrichten)
Das Bild wird an die Altair gesendet. Am Bildschirm liegt nun das Foto deiner eingespannten Realität als Hintergrund.
- Aktion: Das Motiv mit den Move-Pfeilen fein verschieben.
- Ziel: Die digitalen Eck-Tags der neuen Wiederholung exakt über die bereits gestickten, physischen Tags der vorherigen Wiederholung legen.
- Sichtkontrolle: Mit der Vergrößerungsfunktion die Ecken prüfen, bis die Passung wirklich stimmt.

Phase 5: Verifikation im „Sub-Millimeter“-Bereich (Trial & W+)
Verlass dich nicht zu 100% auf das Bildschirmfoto. Das Foto ist eine Kameraansicht – die Nadel ist die Realität. Deshalb kommt jetzt der „Reality Check“.
Trial-Protokoll
- Trial aktivieren: Eine Ecke (z. B. oben rechts) auswählen.
- Nadelbewegung beobachten: Die Maschine fährt die physische Position an.
- W+ aktivieren: Den LED-Pointer einschalten.
- Audit:
- Trifft der rote Punkt exakt den Thread-Tag/den markierten Passpunkt?
- Wenn ja: Freigabe zum Sticken.
- Wenn nein: Mit den Pfeiltasten minimal nachkorrigieren, bis der Punkt sauber sitzt.


Warnung: Magnetfeld & Umgebung
Wenn du auf Magnetrahmen für baby lock umgerüstet hast, beachte die starken Magnetkräfte.
* Sicherheit: Abstand halten und Herstellerhinweise beachten.
* Arbeitsplatz: Magnete nicht unnötig an empfindliche Elektronik anlegen.
Operation: Der Sticklauf
- Farb-Sortierung: Die Maschine sortiert die Farben automatisch, damit du nicht ständig zwischen Farben hin- und herwechseln musst. Behalte im Ablauf im Blick, wann die Thread-Tags (als letzte Farbe) kommen.
- Wichtig vor Start: Alle Papier-/Tape-Marker entfernen, bevor die Maschine in den Sticklauf geht.

Troubleshooting & Entscheidungslogik
Auch mit sauberer Technik reagieren Materialien unterschiedlich. Wenn du „gegen den Prozess“ arbeitest, nutze diese Logik.
Entscheidungstabelle: Stickvlies vs. Material
| Fabric Type | Challenge | Recommended Stabilizer | Hoop Strategy |
|---|---|---|---|
| Stable Woven (Cotton, Linen) | Prone to creasing | Tear-Away (Medium) | Standard Hoop or Magnetic |
| Unstable Woven (Loose weave) | Distortion/Skew | Fusible No-Show Mesh + Tear-Away | Magnetische Einspannstation for squareness |
| Knits/Stretch (T-Shirt) | Pucker/Stretch | Cut-Away (Non-negotiable) | Light Magnetic Frame (prevent burn) |
| Sheer/Delicate (Organza) | Holes/Tearing | Wash-Away (Fibrous/Fabric type) | Magnetic (Low tension) |
Setup-Checkliste (die „Pre-Flight“-Routine)
Diese Reihenfolge bei jedem erneuten Einspannen durchgehen:
- [ ] Mittellinie: Ist die Markierung zwischen den Mittelmarken des Stickrahmens ausgerichtet?
- [ ] Stoffspannung: Straff, aber nicht überdehnt?
- [ ] Passpunkte sichtbar: Sind die bisherigen Thread Tags durch Tape/Papier gut erkennbar?
- [ ] Digitales Bild: Ist das IQ-Positioning-Bild geladen und klar?
- [ ] Reality Check: W+ / Needle-Drop-Kontrolle an zwei verschiedenen Ecken durchgeführt?
- [ ] Freiraum & Entfernen: Papier/Tape entfernt, bevor „Start“ gedrückt wird?
Fazit: Von „machbar“ zu „profitabel“
Wenn du Repeat mit einem konsequenten Prüfablauf (Thread Tags + W+ Pointer) kombinierst, wird aus einem riskanten „Pi-mal-Daumen“-Übergang ein kontrollierbarer Prozess.
Deine Ergebnisse sollten jetzt sein:
- Nahtlose Übergänge: Bordüren ohne sichtbare Unterbrechung.
- Sichere Sichtkontrolle: Kontrastmarker statt Rätselraten auf Ton-in-Ton.
- Skalierbarkeit: Ein Ablauf, der sich wiederholt anwenden lässt.
Wenn der Workflow funktioniert, aber das Einspannen dich ausbremst oder körperlich belastet, sind die genannten Upgrades echte Produktivitätshebel: Eine Magnetische Einspannstation oder Magnetrahmen für Stickmaschine sind weniger „Zubehör“ als vielmehr Investitionen in Wiederholgenauigkeit und langfristige Belastbarkeit.
Und wenn in deinem Betrieb irgendwann das Umfädeln der Farben zum Engpass wird, gilt: Mehrnadelstickmaschinen sind genau dafür gemacht, Farbwechsel zu automatisieren und Output zu skalieren.


