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Master Class: Nottingham-Spitze auf Tüll sticken – ohne Reißen, ohne Verrutschen
Nottingham-Spitze gehört zu den edelsten „wie geerbt“-Looks, die du mit einer Haushalts- oder Semi-Profi-Stickmaschine umsetzen kannst. Anders als bei freistehender Spitze (FSL), die sich selbst trägt, bleibt hier der Tüll (Netz) als dauerhafte Trägerschicht im Projekt. Das Ergebnis wirkt deutlich luftiger und feiner – genau dieser „schwebende“ Effekt ist mit FSL oft schwer zu erreichen.
Tüll ist allerdings kompromisslos: Er rutscht, er kann einreißen, und er verzeiht keine ungleichmäßige Spannung. In diesem Projekt stabilisieren wir ein 120x120-mm-Motiv mit der „Reststück-Überlappung“-Methode. Dein Ziel: Lagen sicher kontrollieren, gleichmäßig einspannen und anschließend so sauber schneiden, dass die Kante wie aus der Manufaktur wirkt.

Materialien & kritische Eckdaten
Wenn du ein professionelles Ergebnis willst, sind „irgendwelche“ Materialien selten gut genug. Hier geht es um Werkzeuge und Verbrauchsmaterial, die die Belastung auf dem feinen Netz minimieren.
Das Basis-Set
- Maschine: (Demo: Husqvarna Viking Designer Epic 2, grundsätzlich funktioniert jede Maschine mit einem 4x4"-Stickfeld).
- Stickrahmen: 120x120 mm (Standard-Quadratrahmen).
- Grundmaterial: Feiner Tüll / Illusion-Netz.
- Stickvlies: Faseriges, wasserlösliches Stickvlies (z. B. Floriani Wet N Gone). Kein Folien-Typ (z. B. Solvy), der perforiert bei dieser Dichte oft zu schnell.
- Garn: 40 wt Rayon oder Polyester (weiß).
- Nadel: 75/11 Sticknadel oder Microtex. Große Universalnadeln (90/14) hinterlassen im Netz schneller sichtbare Löcher.
„Versteckte“ Helfer & Pre-Flight-Check
Viele Probleme entstehen, bevor du auf „Start“ drückst. Lege dir bereit:
- „Opfer“-Schutzstück: Ein kleines Stück Batting/Watte als Schutz auf dem Maschinenbett, damit spitze Pinzetten-/Scherenenden beim Fadenkappen nichts verkratzen.
- Reinigung vorab: Tüll lädt sich statisch auf, wasserlösliches Vlies staubt. Reinige den Greifer-/Spulenbereich vor dem Sticklauf.
- Präzisionspinzette: Zum sicheren Halten von Fadenenden beim Abtrennen.
Warnung: Maschinensicherheit. Niemals mit den Fingern in die Nähe der Nadelstange greifen, während die Maschine läuft. Wenn du Fäden schneiden musst: Maschine vollständig stoppen.

Die „Reststück-Überlappung“-Methode: Sparsam – aber kontrolliert
Gutes wasserlösliches Stickvlies ist teuer. Mit der Reststück-Überlappung kannst du Zuschnitte sinnvoll verwerten – holst dir aber eine Variable ins System: unterschiedliche Materialstärke.
So funktioniert die Überlappung
- Reste auswählen: Zwei Stücke faseriges, wasserlösliches Stickvlies bereitlegen.
- Die Brücke: So auflegen, dass sie sich in der Rahmenmitte um 0,5 inch (12 mm) überlappen.
- Das Sandwich: Eine Lage Tüll obenauf legen.
- Einspannen: Alle Lagen gemeinsam in den Stickrahmen einspannen.

Warum das hält (Praxis statt Theorie)
Die später gesetzte Heftnaht wirkt wie eine Klammer: Sie fixiert die losen Lagen und verhindert, dass sich die beiden Vliesstücke während der vielen Einstiche gegeneinander verschieben.
Das Risiko: Im Überlappungsbereich ist das Paket doppelt so dick. Dadurch entsteht eine „Spannungs-Kante“. Wenn du den Rahmen nur nach der dicken Zone „auf Gefühl“ festziehst, können die einlagigen Bereiche zu locker bleiben – das begünstigt Verzug und ungenaue Passung.
Einspannen: Der „Trampolin“-Standard
Das Einspannen ist bei Tüll der häufigste Ausfallpunkt. Zu locker = Kräuselung/Verzug. Zu stramm = Netzstruktur reißt oder verzieht sich.

Sensorisches Einspann-Protokoll
- Ausrichtung prüfen: Innenrahmen auflegen. Wenn er „nicht will“, stimmt oft die Orientierung nicht (im Video wird das kurz korrigiert – auf Markierungen/Zahlen achten).
- Sanft eindrücken: Innenrahmen gleichmäßig herunterdrücken. Schraube noch nicht final festziehen.
- Tast-Check: Mit den Fingern über den Tüll streichen und leicht antippen.
- Falsch: Fühlt sich an wie ein durchhängendes Bettlaken (zu locker).
- Falsch: Klingt/fühlt sich wie eine extrem stramme Trommel an (zu stramm – Reißgefahr).
- Richtig: Wie ein Trampolin – fest, aber mit minimalem „Bounce“.
- Mikro-Korrektur: Schraube nachziehen. Wenn eine Ecke locker ist, den Tüll sehr vorsichtig nachspannen, während du die Schraube anziehst.
- Wichtig: Nicht „ziehen bis es glatt ist“. Tüll ist extrem empfindlich – im Video wird ausdrücklich davor gewarnt, zu stark zu ziehen.

Rahmenspuren („Hoop Burn“) & moderne Alternativen
Standardrahmen halten über Reibung und Druck. Bei empfindlichem Tüll kann das Fasern quetschen und Rahmenspuren hinterlassen.
Wenn du damit regelmäßig kämpfst oder in Serien arbeitest, ist das oft der Punkt, an dem Profis nach Magnetrahmen für Stickmaschine suchen: Magnetische Systeme klemmen von oben, statt den Stoff seitlich zu „zerren“. Das reduziert Rahmenspuren und macht das Einspannen weniger zum Kraftakt.
Warnung: Magnet-Sicherheit. Starke Magnetrahmen können mit hoher Kraft zuschnappen. Finger aus der Kante halten, Quetschgefahr.
Maschine einrichten: „Low-Stress“-Parameter
Nicht einfach starten: Spitze auf Tüll läuft stabiler, wenn du die Belastung reduzierst und die Lagen aktiv sicherst.

Digitale Einstellungen
- Geschwindigkeit: Reduziere die Stickgeschwindigkeit (im Video wird das als sinnvoller Schritt angesprochen). Weniger Tempo bedeutet weniger „Peitschen“ am Netz und weniger Verzug.
- Heftnaht (Basting): Pflicht bei Reststück-Lagen. Im Maschinenmenü „Heften um den Rahmen“ (Hoop Perimeter) wählen – nicht nur um den Designrahmen. Das fixiert die Überlappung zuverlässig.
Kompatibilitäts-Hinweis
Wenn du mit Stickrahmen für husqvarna oder ähnlichen Systemen arbeitest: Prüfe im Stick-Edit-Menü, ob deine Maschine eine integrierte Heftfunktion anbietet. Das spart Zeit und sorgt für reproduzierbare Fixierung.
Visueller Entscheidungsbaum: Stickvlies-Strategie
Nutze das als Kurz-Check, bevor du stickst:
- Szenario A: Ganze Vliesbahn verfügbar
- Aktion: 1 Lage wasserlösliches Vlies + Tüll einspannen. Heften empfohlen, aber nicht zwingend.
- Szenario B: Nur Reste verfügbar
- Aktion: 0,5" überlappen. Heften ist Pflicht.
- Szenario C: Sehr elastisches Netz statt stabilem Tüll
- Aktion: Keine Reste verwenden. Lieber eine durchgehende Vlieslage nutzen und die Lagen so stabilisieren, dass nichts wandert.
Sticklauf & Zuschnitt: Präzision wie in der Werkstatt
Der Sticklauf
Beobachte die ersten Stiche besonders aufmerksam – hier passieren die meisten Start-Probleme. Im Video rutscht der Faden direkt am Anfang aus; Lösung: neu einfädeln und sauber neu starten.
- Praxis-Check: Achte darauf, dass der Faden sofort „greift“ und sich keine Schlaufen bilden.


Der Zuschnitt-Ritus
Der Unterschied zwischen „selbst gemacht“ und „Manufaktur“ ist oft der Zuschnitt.

Phase 1: Grobschnitt (Makro)
- Stickrahmen abnehmen.
- Mit großer Schere arbeiten.
- In einem weiten Bogen um das Motiv schneiden, damit überschüssiges Vlies schnell weg ist.
- Ziel: Gewicht und Zug aus dem Material nehmen, bevor du ins Detail gehst.
Phase 2: Feinschnitt (Mikro)
- Auf kleine (gebogene) Stickschere wechseln.
- Technik: In eine Spitze „hineinschneiden“, stoppen, neu ansetzen und „aus der Spitze heraus“ schneiden. Genau so wird im Video die Kurve sauber aufgebaut, ohne in die Stiche zu schneiden.
- Sicherheitsabstand: Lieber minimal Tüll stehen lassen, statt bündig in die Stickfäden zu schneiden – außer das Motiv ist explizit dafür digitalisiert.


Finish: Wasser ist dein „Cure“

Wie du das wasserlösliche Vlies entfernst, bestimmt Griff und Fall deiner Spitze.
- Weicher Fall: Im Video wird ein langes Einweichen genannt (mindestens 24 Stunden, Wasser ggf. erneuern). Das entfernt Rückstände und lässt das Stück flacher wirken.
- Trocknen: Flach trocknen lassen, damit sich nichts verzieht.
3x Critical Success Checklists
1. Prep-Checkliste (der „Clean Room“-Check)
- Nadel: Frische 75/11 Sticknadel oder Microtex eingesetzt?
- Sauberkeit: Spulenkorb/Greiferbereich frei von Flusen und Staub?
- Verbrauchsmaterial: Überlappung der Vliesreste mindestens 0,5 inch?
- Tools: Schutzstück (Batting) auf dem Maschinenbett platziert?
2. Setup-Checkliste (der „Pilot“-Check)
- Rahmen-Check: Tüll fühlt sich wie ein Trampolin an (fest, kein Durchhang)?
- Freigang: Nichts blockiert den Stickarm?
- Tempo: Geschwindigkeit reduziert?
- Heften: Heftnaht „Hoop Perimeter“ aktiviert?
3. Troubleshooting-Checkliste (während des Stickens)
- Symptom: Faden rutscht direkt am Start raus / greift nicht.
KorrekturStoppen, neu einfädeln, neu starten (im Video genau so gelöst).
- Symptom: Tüll sitzt im Rahmen nicht gleichmäßig stramm.
KorrekturLockere Stelle lokalisieren, Schraube nachziehen und den Tüll nur minimal nachspannen (nicht überziehen – Reißgefahr).
- Symptom: Kräuselung (Puckering) nach dem Sticken.
KorrekturBis zu einem gewissen Grad normal; im Video wird gezeigt, dass es nach dem Auswaschen/Einweichen deutlich flacher wirkt.
- Symptom: Rahmenspuren.
- Fix fürs nächste Mal: Einspann-Methoden prüfen, z. B. Einspannen für Stickmaschine mit magnetischem Klemmen statt hoher Reibung.
Zusammenfassung & nächste Schritte
Du hast jetzt ein zartes Nottingham-Spitzenstück auf Tüll sauber umgesetzt. Die Reststück-Überlappung spart Stickvlies, und die Heftnaht rund um den Rahmen stabilisiert die Lagen zuverlässig.
Wie geht’s weiter?
- Größere Flächen: Du kannst mehrere Stücke nebeneinander platzieren und später als Panel nutzen – im Video wird das als Möglichkeit erwähnt (z. B. für Schleier/Spitzenkanten).
- Mehr Prozesssicherheit: Wenn dich Einspann-Druck und Rahmenspuren nerven, sind Magnetrahmen oft der pragmatischste Upgrade-Schritt für empfindliche Materialien.



