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Warum eine einfarbige Stickdatei überhaupt aufteilen?
Viele gekaufte Stickdateien kommen aus Gründen der Dateistruktur als „ein Block / eine Farbe“ (monochrom). Das ist digital bequem – aber in der Praxis willst du oft klare Farbakzente setzen: Beim Urban Threads „Rooster“-Motiv schreit die Gestaltung förmlich danach, dass einzelne Textelemente unterschiedliche Farben bekommen, statt dass alles als durchgehender schwarzer Lauf/Satin wirkt.
In diesem Tutorial zerlegen wir eine einfarbige Datei gezielt in mehrere Segmente (hier: einzelne Textzeilen), machen daraus eigenständige Objekte und weisen anschließend unterschiedliche Garnfarben zu. Das Prinzip ist auf andere Programme übertragbar – gezeigt wird es in Floriani Total Control.
Was du danach sicher beherrschst:
- Sauberer „Skalpell“-Workflow: Du isolierst Wort für Wort mit dem Lasso, ohne benachbarte Stiche „mitzuschneiden“.
- Klare Objekt-Struktur: Jedes Element ist separat steuerbar (Farbe, Reihenfolge, Sichtbarkeit) – das ist die Basis für reproduzierbare Ergebnisse.
- Dateisicherheit: Du arbeitest so, dass die bezahlte Originaldatei unangetastet bleibt.
Gerade für fortgeschrittene Anwender ist Edit > Split Join > Split eine dieser kleinen Funktionen, die in der Praxis einen riesigen Unterschied macht: Sie ist die Brücke zwischen „Datei herunterladen“ und „Datei so anpassen, als wäre sie für genau dieses Projekt digitalisiert worden“.

Design öffnen und Stickrahmen korrekt einstellen
Der Ablauf startet in Floriani Total Control mit dem Öffnen der Datei und – ganz wichtig – der Stickrahmen-Einstellung. Das ist kein „Verwaltungsklick“, sondern eine echte Kontrollmaßnahme: Die Ausrichtung beeinflusst, wie du später stabilisierst und wie sich das Motiv über die Breite verhält.
Breite Textlayouts, die horizontal laufen, sind empfindlich: Wenn du sie „hochkant“ planst, arbeitest du oft gegen Materiallauf und Spannung – das begünstigt Verzug und Wellenbildung.
Schritt 1 — Design importieren
- Aktion: Über Open File deine gekaufte Urban-Threads-Datei auswählen.
- Sichtkontrolle: Liegt das Motiv vollständig innerhalb der Arbeitsfläche/Stickrahmenbegrenzung? Wenn Teile über eine rote Sicherheitslinie oder außerhalb der Rahmenkontur ragen, ist das ein klares Warnsignal.
- Abstand: Achte darauf, dass rundum ausreichend Luft zur Rahmenkante bleibt (im Draft als Richtwert: 10 mm).

Schritt 2 — Stickrahmen-Ausrichtung auf „Horizontal“ stellen
Im Stickrahmen-Dialog die Ausrichtung auf Horizontal umschalten.
- Aktion: Im Rahmenfenster die Ausrichtung auf „Horizontal“ bzw. „Rotate“ wählen (je nach UI).
- Visueller Hinweis: Die Rahmenbegrenzung dreht sich sichtbar um 90°; das breite Textlayout sitzt danach entspannter im Rahmen.

Warum das zählt (Praxis-Check)
Im Programm ist der Rahmen nur ein Rechteck. In der Realität entscheidet die Ausrichtung darüber, wie du das Material stabilisierst und wie stark sich das Teil beim Sticken über die X-Achse „arbeitet“.
Praxisbezug: Wenn breite Schrift am Anfang gerade ist und am Ende „kippt“, liegt das sehr oft nicht an der Datei, sondern am Einspannen/der Platzierung. In der Produktion wird dafür häufig eine Einspannstation für Stickrahmen genutzt, um Rahmen und Textil reproduzierbar auszurichten – damit das, was du am Bildschirm horizontal planst, am Kleidungsstück auch wirklich horizontal landet.

Freehand Select (Lasso) richtig einsetzen
Jetzt kommt der präzise Teil: Wir wählen nur die Stiche aus, die später eine eigene Farbe bekommen sollen – beginnend mit dem Wort „ROOSTER“. Dafür nutzen wir Freehand Select Mode (Lasso).
Schritt 3 — Freehand Select (Lasso) aktivieren
- Aktion: Das Lasso/Freehand-Select-Symbol in der Werkzeugleiste anklicken.
- Praxis-Tipp: Vor dem Setzen der Punkte hineinzoomen, damit du wirklich siehst, wo die Stiche liegen. Im Video wird explizit darauf hingewiesen, dass du sonst schnell andere Stiche „erwischst“.

Schritt 4 — „ROOSTER“ sauber umfahren
- Aktion: Mit Linksklick Punkt für Punkt um das Wort „ROOSTER“ herum klicken.
- Arbeitsgefühl: Nicht ziehen, sondern kontrolliert „klicken–setzen–klicken“. So bleibt die Kontur sauber.
- Visueller Hinweis: Eine temporäre Linie folgt deiner Auswahl. Wenn du wieder am Anfang bist, mit Return/Enter die Auswahl schließen.
- Erfolgskriterium: Die Stiche von „ROOSTER“ werden rot markiert (Auswahlfarbe) – dann ist die Selektion aktiv.

Achtung: Auswahlgenauigkeit ist alles
Mit dem Lasso wählst du keine „Buchstaben“ als Objektlogik, sondern rohe Stichdaten. Wenn du beim Umfahren z. B. Teile der darunterliegenden Zeile mit einschließt, trennst du diese Stiche später mit ab – das führt zu „verwaisten“ Stichen oder fehlenden Teilen im Motiv.
Puffer-Regel aus der Praxis: Lass beim Umfahren bewusst einen kleinen Sicherheitsabstand, damit du keine fremden Stiche anschneidest. Wenn du merkst, dass etwas falsch mitmarkiert wurde: sofort Undo/Ctrl+Z und neu selektieren, statt „irgendwie zu retten“.
Der Kern: „Split Join“ zum Auftrennen
Auch wenn „ROOSTER“ rot markiert ist, hängt es noch im ursprünglichen einfarbigen Objekt. Jetzt trennen wir es in ein eigenes Objekt.
Schritt 5 — Auswahl in ein neues Objekt splitten
- Aktion: Edit > Split Join > Split.
- Kontrolle: Auf der Arbeitsfläche wirkt es oft so, als wäre „nichts passiert“. Der entscheidende Check ist die Objekt-/Sequenzansicht: Dort sollte das markierte Element als eigenes Objekt auftauchen.

Was „Split“ macht – und was nicht
Split reorganisiert vorhandene Stichpunkte in ein neues Objekt.
- Macht es: Separates Einfärben, Umreihen, Ein-/Ausblenden.
- Macht es nicht: Automatisch Dichte/Pull Compensation ändern.
Risiko in der Praxis: Wenn du eine durchgehende Stichfolge trennst, kann an der Trennstelle eine neue Sprungstelle entstehen. Das ist nicht „kaputt“, aber du solltest es beim Probestick im Blick haben.
Warnung: Testlauf mit Kontrolle. Nach dem Splitten und Umfärben die Datei zuerst langsam prüfen (Simulation/Slow Redraw bzw. langsamer Maschinenlauf). Wenn die Stichfolge unerwartet springt, stoppe sofort und korrigiere die Objektstruktur.
Farben zuweisen über Garnkarten
Nach dem Aufteilen kannst du die Objekte einfärben. Im Video wird die Marathon Viscose Rayon-Garnkarte verwendet.
Schritt 6 — „ROOSTER“ einfärben (Rot)
- Aktion: Das neu gesplittete „ROOSTER“-Objekt auswählen.
- Aktion: Thread Catalog / Farbpalette öffnen.
- Aktion: In der Garnkarte Marathon wählen und einen Rotton zuweisen.
- Ergebnis: „ROOSTER“ erscheint am Bildschirm rot.


Schritt 7 — Für „HEN“ wiederholen (splitten + dunkleres Gelb/Gold)
Der Ablauf ist identisch:
- Auf „HEN“ zoomen.
- Mit dem Lasso sauber umfahren (ohne „ROOSTER“ oder die untere Zeile zu erwischen).
- Edit > Split Join > Split.
- Einen dunkleren Gelb-/Goldton aus der Marathon-Karte zuweisen.


Schritt 8 — Untere Zeile auf Dunkelgrau setzen
Zum Schluss bleibt die untere Textzeile („delivers the GOODS“) als Rest im ursprünglichen Objekt (nachdem die oberen Zeilen herausgetrennt wurden) bzw. sie ist bereits separat auswählbar – im Video wird sie anschließend umgefärbt.
- Aktion: Untere Zeile/Restobjekt auswählen.
- Aktion: In der Marathon-Karte auf Dark Gray (Dunkelgrau) umstellen.


Profi-Hinweis zur Farbplanung
Entscheidend ist nicht, wie „schön“ die Bildschirmfarbe heißt, sondern dass die Datei saubere Farbwechsel/Stops erzeugt. Im Video wird auch erwähnt: Wenn die Maschine ohnehin den Fadenwechsel übernimmt, ist der exakte Name weniger wichtig als die klare visuelle Trennung.
Wenn du in Serie arbeitest, zählt Wiederholbarkeit: Ein sauberer Einspannprozess (z. B. mit Einspannen für Stickmaschine) sorgt dafür, dass jedes Teil an exakt derselben Position landet – und du keine Ausschussware durch schiefe Platzierung produzierst.
Die neue mehrfarbige Datei sicher speichern
Hier passieren die teuersten Fehler: Überschreiben der gekauften Originaldatei.
Schritt 9 — „Save As“ (nicht überschreiben)
- Aktion: File > Save As.
- Praxis-Namensschema:
Rooster_Split_3Color_v1.pes(oder dein Maschinenformat). - Warum: Die Originaldatei bleibt als Referenz/Backup erhalten.

Kurz-Referenz: Was du technisch gerade tust
- Setup: Rahmen-Ausrichtung passend zum Layout (Horizontal).
- Isolieren: Lasso um die gewünschten Stiche.
- Trennen: Split, damit ein eigenes Objekt entsteht.
- Kennzeichnen: Farbe zuweisen, damit ein Farbwechsel/Stop entsteht.
Du erzeugst keine neuen Stiche – du ordnest vorhandene Stiche nur in neue „Container“ (Objekte) um.
Vorbereitung (Verbrauchsmaterial & Checks)
Software-Änderungen sind nur die halbe Miete. Für einen sauberen Probestick solltest du die Basics parat haben.
„Versteckte“ Helfer, die du griffbereit haben willst
- Pinzette: Praktisch, falls nach dem Splitten zusätzliche Sprungstiche sichtbar werden.
- Passendes Stickvlies: Wähle das Vlies passend zu Material und Textdichte.
Checkliste (vor dem Editieren + vor dem Probestick)
- Rahmencheck: Motiv sitzt sauber im Rahmen und hat Sicherheitsabstand.
- Farb-Logik: Sind es wirklich getrennte Objekte mit getrennten Farben (nicht nur optisch „ähnlich“)?
- Simulation: Läuft die Stichfolge logisch von oben nach unten?
Setup (damit aus „Software perfekt“ auch „Stickbild perfekt“ wird)
Viele vermeintliche Softwareprobleme sind in Wahrheit Einspann-/Stabilisationsprobleme. Wenn das Material wandert, wirkt Schrift sofort unruhig.
Entscheidungslogik: Stabilisieren und Einspannen
1. Ist das Teil schwierig einzuspannen (z. B. Tasche, Ärmel, enge Bereiche)?
- JA: Klassische Rahmen können rutschen oder Druckstellen hinterlassen.
- Option: Magnetrahmen für Stickmaschine können beim Einspannen helfen, weil sie klemmen statt zu „quetschen“.
- NEIN: Weiter zu Frage 2.
2. Ist das Material elastisch (T-Shirt/Jersey)?
- JA: Beim Einspannen nicht „überdehnen“. Sonst zieht sich das Material nach dem Sticken zurück und die Schrift verzieht.
- Option: Ein Magnetrahmen kann das Material neutral halten, ohne dass du es stark auf Spannung ziehen musst.
- NEIN: Einspannen wie gewohnt, Vlies nach Bedarf.
Warnung: Magnet-Sicherheit. Starke Magnetrahmen für Stickmaschine können Finger einklemmen. Finger nie zwischen Magnetflächen bringen. Bei medizinischen Implantaten (z. B. Herzschrittmacher) die Sicherheitsabstände des Herstellers beachten.
Setup-Checkliste (bevor du Objekte splittest)
- Ausrichtung: Bildschirm-Rahmen entspricht deiner geplanten Stickausrichtung.
- Zoom: So weit hineinzoomen, dass du sauber selektieren kannst.
- Puffer: Beim Lasso bewusst Abstand halten, um keine Fremdstiche zu erwischen.
- Original sichern: Originaldatei bleibt unverändert (Save As erst für die bearbeitete Version).
Ablauf (Schritt-für-Schritt mit Kontrollpunkten)
Schritt A — „ROOSTER“ splitten und rot färben
- Lasso aktivieren und „ROOSTER“ umfahren.
- Mit Enter bestätigen (rote Markierung).
- Split ausführen.
- Rot zuweisen.
Kontrollpunkt: Wenn du das neue Objekt ein-/ausblendest, muss ausschließlich „ROOSTER“ verschwinden/erscheinen. Wenn Teile von „HEN“ mit verschwinden: Undo und neu selektieren.
Schritt B — „HEN“ splitten und gold/gelb färben
- „HEN“ selektieren.
- Enter.
- Split.
- Gelb/Gold zuweisen.
Kontrollpunkt: Prüfe, dass keine Stiche der unteren Zeile mit eingefärbt wurden.
Schritt C — Untere Zeile auf Dunkelgrau setzen
- Restobjekt/untere Zeile auswählen.
- Dunkelgrau zuweisen.
Erwartetes Ergebnis: 3 klar getrennte Farbwechsel/Stops.
Schritt D — Sicher speichern
- Save As unter neuem Namen.
Endkontrolle
- Objekte: Drei getrennte Objekte in der Sequenzansicht.
- Farbwechsel: Drei Farbwechsel/Stops.
- Stichfolge: Simulation zeigt eine logische Reihenfolge.
Qualitätschecks (was Profis vor dem Sticken prüfen)
1) Reihenfolge/Sequenz
Stimmt die Reihenfolge? Idealerweise von oben nach unten, damit unnötige Sprünge minimiert werden.
2) Einspann-Konstanz (der versteckte Faktor)
Wenn du mehrere Teile stickst, ist die reproduzierbare Platzierung entscheidend.
- Symptom: Einige Teile sitzen gerade, andere leicht schief.
- Ursache: Manuelles Einspannen ohne Referenz.
- Lösung: Einspannstation helfen, die Platzierung zu standardisieren.
3) Erste Stiche beobachten
Gerade nach dem Splitten lohnt es sich, die ersten Stiche aufmerksam zu verfolgen: Wenn die Datei an einer Trennstelle unerwartet springt, stoppe und korrigiere die Objektstruktur.
Troubleshooting (Symptom → Ursache → Fix)
| Symptom | Likely Cause | Quick Fix | Prevention |
|---|---|---|---|
| Color Bleed (Gold landet in „ROOSTER“) | Ungenaue Lasso-Auswahl. | Undo, stärker zoomen, neu selektieren mit mehr Puffer. | Bei enger Schrift noch genauer selektieren. |
| Maschine stoppt nicht für Farbwechsel | Farben nicht wirklich getrennt/zugewiesen. | Prüfen, ob die Objekte tatsächlich unterschiedliche Farben haben. | Nach jedem Split sofort Farbe zuweisen und in der Sequenzansicht prüfen. |
| Zusätzliche Sprungstiche/„Fäden“ | Trennung erzeugt neue Sprungstelle. | Sprungstiche nach dem Probestick sauber entfernen. | Stichfolge vorab simulieren und Reihenfolge optimieren. |
| „Hoop Burn“/Rahmenabdrücke | Zu fest eingespannt / empfindliches Material. | Stoff dämpfen/ausbügeln (materialabhängig). | Magnetrahmen nutzen oder „Floating“ in Betracht ziehen. |
| Passungsdrift (Abstände/Versatz) | Material wandert im Rahmen. | Stabilisierung verbessern und Materialfixierung optimieren. | Reproduzierbares Einspannen mit hooping station for embroidery machine. |
Ergebnis (was am Ende stehen muss)
Wenn du die Schritte wie gezeigt umsetzt – Rahmen horizontal, präzise Lasso-Selektion, Edit > Split Join > Split, anschließend Umfärben über die Garnkarte – hast du aus einer einfarbigen Datei eine saubere mehrfarbige Arbeitsdatei gemacht.
Dein Output:
- Originaldatei: Unverändert als Backup.
- Produktionsdatei: Neue Datei mit 3 klaren Farbwechseln.
- Routine: Du kannst künftig jede einfarbige Datei gezielt in sinnvolle Farbsegmente aufteilen.
Und denk daran: Je mehr du in Richtung Serie gehst, desto wichtiger werden Einspannen und Prozesssicherheit. Tools wie Magnetrahmen für Stickmaschine können dabei helfen, den Workflow zu stabilisieren – damit deine Software-Änderungen auch im Stickbild zuverlässig ankommen.
