Inhaltsverzeichnis
Master Class: Raw-Edge-Applikation auf Frottee mit der Brother 3700D
Ein praxisorientierter Leitfaden für Struktur, Stabilität und einen reibungslosen Ablauf.
Raw-Edge-Applikation gehört zu den wertvollsten Techniken in der Maschinenstickerei: Aus einfacher, integrierter Schrift wird ein hochwertiger, textiler Look, der eher nach „Boutique“ als nach „selbstgemacht“ wirkt. In der Praxis treffen hier aber gleich mehrere Stolpersteine aufeinander: dickes Frottee (hoher Flor), eine Applikationslage, die sich beim Nähen verschieben kann, und die Notwendigkeit, exakt zu positionieren. Typische Fragen sind dann: Gibt es Rahmenspuren? Verrutscht mir der Schriftzug? Warum hält die Maschine ständig an?
In diesem Guide zerlegen wir Lindas Projekt auf der brother Stickmaschine (konkret: Innov-is 3700D) in einen klaren, wiederholbaren Workflow. Ziel ist, dass du nicht nur „nachmachst“, sondern verstehst, warum jeder Schritt die Passung und das Endergebnis stabilisiert.
Du lernst:
- Physik des Flors: Wie du Frottee so stabilisierst, dass es sich wie eine ruhige Stickfläche verhält.
- Der Blindspot ohne Kamera: Wie du die „echte Mitte“ auf Maschinen ohne Kamerasystem zuverlässig findest.
- Brother-Workflow: Wo du die versteckte „Applikations-Outline“-Funktion aktivierst.
- Die „Sandwich“-Logik: Wie Steam-A-Seam 2 die Applikationslage vor dem Endstich fixiert.
- Produktionsdenken: Wann Standard-Tools reichen – und wann Hardware-Upgrades Zeit, Nerven und Material sparen.

Phase 1: Das „Warum“ hinter den Materialien
In der Stickerei sind 80% des Ergebnisses Vorbereitung. Lindas Material-Stack ist überschaubar, aber sehr bewusst gewählt. Wichtig ist, dass du die Funktion jedes Teils kennst – dann kannst du das Prinzip auf andere Stoffe übertragen.
Der essentielle Stack
- Grundmaterial: Beige/weiß gestreiftes Frottee (vorgewaschen, damit später nichts einläuft).
- Stickvlies: RNK „Heat and Stay“ (aufbügelbares Cutaway).
- Applikationslage: Cremeweißer Baumwollstoff + „Steam-A-Seam 2“ (doppelseitiges, aufbügelbares Klebevlies).
- Markieren: Sewline Air-Erasable Pen + Patchworklineal.
- Schneiden: Rollschneider + Lineal; Duckbill-Applikationsschere.
- Fixieren: Bügeleisen (trockene Hitze, ohne Dampf).
„Unsichtbare Helfer“ (für einen sauberen Ablauf)
Diese Punkte sind in Lindas Ablauf nicht als eigene Tools gezeigt, ergeben sich aber direkt aus den Anforderungen von Frottee und dem gezeigten Setup (viel Flor, viel Fussel, mehrere Stopps/Handgriffe):
- Sauberer Arbeitsbereich: Frottee fusselt – halte den Bereich um Maschine und Stickrahmen frei von Flusen und Resten.
- Ruhige Kabelführung am Bügelplatz: Beim Wechsel zwischen Bügeln und Schneiden ist ein freier „Sicherheitskorridor“ am Tisch entscheidend.

Die Physik von Frottee
Frottee ist „lebendig“: Es lässt sich zusammendrücken, der Flor wird beim Einspannen gequetscht, und die Schlaufen können sich unter dem Stickfuß verschieben. Ohne stabile Rückseite wirken Buchstaben schnell unruhig oder verzogen.
- Warum aufbügelbares Cutaway? Durch das Aufbügeln wird die Rückseite zu einer Einheit mit dem Frottee. Der Flor wird „beruhigt“, und die Stichbildung bleibt gleichmäßiger.
- Warum Steam-A-Seam 2? Du bekommst eine klebrige Applikationsrückseite, die die Stofflage vor dem Endstich zuverlässig in Position hält – besonders wichtig, wenn du (wie im Video) einen durchgehenden Stoffstreifen über mehrere Buchstaben legst.
Phase 2: Vorbereitung & Stabilisierung
A. Echte Mitte finden (manuelle Methode)
Ohne Kamera musst du sauber mit Geometrie arbeiten.
- Falten & Fingerbruch: Frottee längs falten, dann quer falten. Die Mitte mit dem Finger deutlich „brechen“.
- Fadenkreuz markieren: Stoff öffnen und am Schnittpunkt der Brüche mit Lineal ein Fadenkreuz zeichnen.
- Praxis-Check: Markierung gut sichtbar, aber nicht „eingedrückt“. Bei Frottee lieber mit leichter Hand zeichnen, damit du den Flor nicht verschiebst.
B. „Heat and Stay“ aufbügeln
Das ist der Schlüssel gegen Verzug und Wellen.
- Stickvlies zuschneiden: Es muss rundum 1 inch größer als der Stickrahmen sein. Ist es zu klein, greift der Rahmen nur das Frottee – das Vlies „schwimmt“ dann mit und die Passung leidet.
- Aufbügeln: Vlies auf die linke Stoffseite legen (wie im Video), mit trockenem Bügeleisen fest pressen.
- Praxis-Check: Das Vlies wird leicht transparent – du kannst das Fadenkreuz durchsehen. Beim Anheben an einer Ecke sollte es spürbar Widerstand geben.
- Warum das wichtig ist: Rahmen und Material verhalten sich dann wie ein Verbund – der Stickrahmen hält nicht nur den Flor, sondern die stabile Einheit.
Warnung: Arbeitssicherheit
Beim Arbeiten mit Bügeleisen und Rollschneider: Halte eine klare Zone am Tisch frei. Keine Kabel über der Schneidematte führen – ein kurzer Hänger reicht für Schnitt- oder Verbrennungsgefahr.

Prep-Checkliste: „Go/No-Go“ vor dem Einspannen
- Frottee vorgewaschen und getrocknet.
- Fadenkreuz ist klar erkennbar.
- Stickvlies ist fest aufgebügelt; das Material fühlt sich deutlich stabiler an.
- Unterfaden ist vorbereitet (im Video: vorgewickelte weiße Unterfadenspule).
- Bereich um Greifer/Spulenkapsel und Stickrahmen ist frei von Fusseln.
Phase 3: Software/Display-Setup (Brother 3700D)
Du nutzt die integrierte Schrift so, dass die Maschine daraus eine Applikationsabfolge macht.
A. Text & Abstand
- Eingabe: Linda tippt „Be Happy“.
- Abstand: Zwei Leerzeichen zwischen „Be“ und „Happy“.
- Logik: Du brauchst Platz, um später sauber zu trimmen, ohne in den nächsten Buchstaben zu schneiden.
- Größencheck: Design muss in den 6x10"-Rahmen passen (im Video: 1.19" hoch × 9.83" breit).

B. „Applikations-Outline“ aktivieren
Das ist der entscheidende Schalter.
- Menü öffnen: In das „Color/Spooling“-Menü (Spulen-/Seiten-Icon) gehen.
- Seite 4: Dort die Applikationsoptionen suchen.
- Option wählen: Die Einstellung aktivieren, die zuerst eine Platzierungs-/Umrissnaht erzeugt.
- Sichtprüfung: Auf dem Bildschirm sind danach getrennte Schritte erkennbar: erst die Platzierungsnaht, dann die dichte Endstickerei.
C. Die „Multi Color“-Falle
Linda zeigt hier einen wichtigen Effizienzpunkt.
- Was passiert: „Multi Color“ sorgt dafür, dass die Maschine zwischen Buchstaben stoppt (eigentlich für Farbwechsel gedacht).
- Was du hier willst: Für Raw-Edge-Applikation mit einem durchgehenden Stoffstreifen Multi Color deaktivieren, damit die Maschine ohne unnötige Stopps durchsticken kann.
- Praxisnutzen: Weniger Stopps = weniger Risiko, den Stickrahmen zu stoßen oder den Rhythmus zu verlieren.

Phase 4: Einspannen – die High-Risk-Zone
Hier passieren die meisten Fehler: dickes Frottee im Standardrahmen sauber und ohne Verzug einspannen.
A. Standardmethode (solide Basis)
- Schraube lösen: Den Rahmen deutlich weiter öffnen, als man intuitiv denkt.
- Ausrichten: Fadenkreuz auf das Raster/Template des Stickrahmens ausrichten.
- Drücken statt Ziehen: Innenrahmen in den Außenrahmen drücken.
- Praxis-Check: Der Rahmen sitzt satt. Nicht nachträglich an den Stoffkanten ziehen – das verzieht Frottee und führt später zu Wellen.
- Anziehen: Schraube nur so weit anziehen, dass es sicher hält.
- Warum: Bei dickem, „federndem“ Material kann zu starkes Anziehen den Rahmen verformen und die Klemmung seitlich verschlechtern.
B. Wenn Standardrahmen an Grenzen kommen
Wenn du merkst, dass das Schließen schwer geht oder du bei Frottee regelmäßig Rahmenspuren bekommst, ist das oft weniger „Skill“, sondern schlicht eine Hardware-Grenze. In solchen Fällen können Magnetrahmen für Stickmaschine den Ablauf deutlich vereinfachen.
- Prinzip: Magnetrahmen klemmen von oben – ohne das Material in einen Ring „zwingen“ zu müssen.
- Vorteil im Handling: Weniger Druckstellen im Flor und schnelleres Einspannen, besonders bei wiederholten Teilen.
- Praxisbezug: Gerade bei dicken Materialien kann Magnetrahmen für brother den Zeitaufwand pro Teil drastisch reduzieren.
Warnung: Magnet-Sicherheit
Starke Magnetrahmen können Finger einklemmen. Nie zwischen die Klemmbereiche greifen. Außerdem Abstand zu medizinischen Implantaten (z. B. Herzschrittmacher/ICD) halten.

Setup-Checkliste: Letzter Blick vor Start
- Stickrahmen sitzt sicher; Stoff ist straff, aber nicht verzogen.
- Fadenkreuz ist mittig im Rahmen.
- Fahrweg des Stickarms ist frei.
- Oberfaden passend (im Video: beige), Unterfaden weiß.
- Applikationsmodus/Outline ist am Display aktiv.
Phase 5: Sticken & Trimmen
A. Platzierungsnaht
Start drücken: Die Maschine näht zuerst die Umriss-/Platzierungsnaht für „Be Happy“.
- Praxis-Check: Das ist deine „Landkarte“. Wenn die Platzierungsnaht schief sitzt, wird der Schriftzug schief – dann lieber sofort stoppen und neu ausrichten.


B. Applikationsstoff platzieren
- Papier abziehen: Trägerpapier vom vorbereiteten Applikationsstreifen (mit Steam-A-Seam 2) abziehen.
- Auflegen & andrücken: Streifen über die Platzierungsnaht legen und mit den Fingern glattstreichen.
- Praxis-Check: Er soll flach liegen, ohne Blasen oder Falten – die Klebeschicht gibt dir dafür die nötige „Tack“-Haftung.
C. Endstich
Start erneut drücken: Die Maschine stickt die dichten Buchstaben über den Applikationsstoff.
- Beobachtung: Achte auf ein sauberes Stichbild. Wenn du oben deutlich Unterfaden siehst, stimmt die Balance nicht (oder das Material bremst/zieht).
D. Duckbill-Trim (sauber & sicher)
Stickrahmen von der Maschine abnehmen, aber nicht ausspannen.
- Werkzeug: Scharfe Duckbill-Applikationsschere.
- Führung: Die breite „Entenschnabel“-Seite flach auflegen – sie schützt die Frottee-Schlaufen.
- Trimmen: Nah an der Naht zurückschneiden (Raw-Edge-Look).
- Praxis-Check: Du solltest spüren, wie die Schere über der Oberfläche „gleitet“. Wenn du in den Flor „eintauchst“, Winkel korrigieren.

Phase 6: Finish
A. Thermisch fixieren
Nach dem Trimmen an den Bügelplatz gehen und kräftig pressen.
- Warum: Steam-A-Seam 2 braucht diese finale Hitze, damit die Applikationslage dauerhaft gebunden ist und die Kanten beim Waschen nicht unkontrolliert ausfransen.

B. Begradigen & Säumen
Kanten mit Rollschneider und Lineal begradigen und Ausfransungen vom Vorwaschen entfernen.
- Praxisnotiz: Der Stickrahmen sorgt für die Stickqualität – die „Profi-Geometrie“ kommt am Ende durch Schneidematte, Lineal und sauberes Begradigen.


Troubleshooting: „Warum ist das passiert?“
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache | Sofortmaßnahme | Vorbeugung |
|---|---|---|---|
| Maschine stoppt ständig | „Multi Color“ ist aktiv | Mit Start fortsetzen | „Multi Color“ deaktivieren, damit durchgehend gestickt wird. |
| Rahmenspuren / gequetschter Flor | Schraube zu fest / hoher Druck im Rahmen | Bereich vorsichtig aufrichten (z. B. ausbürsten) | Bei empfindlichem Flor ggf. auf magnetic embroidery hoop wechseln. |
| Buchstaben wirken schief | Material beim Einspannen/Handling verschoben | — | Aufbügelbares Cutaway + saubere Ausrichtung; für reproduzierbare Passung kann eine Einspannstation für Maschinenstickerei helfen. |
| Nadelprobleme auf dicken Stellen | Materialdicke/Flor bremst, Nadel wird abgelenkt | Neu starten, Setup prüfen | Langsam und stabil arbeiten; Einspannen und Stabilisierung wie gezeigt konsequent umsetzen. |
Entscheidungslogik: Welcher Workflow passt zu dir?
Maschinenstickerei ist nie „one size fits all“. Nutze diese Fragen als schnelle Entscheidungshilfe.
- Stickst du auf dickem, druckempfindlichem Material (Frottee/Flor)?
- Ja: Stabilisierung ist Pflicht. Wenn Standardrahmen Stress machen, kann Magnetrahmen für brother den Ablauf deutlich vereinfachen.
- Nein: Standard-Stickrahmen funktionieren in der Regel problemlos.
- Einzelstück oder Serie?
- Einzelstück: Manuelles Markieren und Standard-Einspannen sind völlig okay.
- Serie: Wiederholgenauigkeit wird zum Engpass. Eine hoop master Einspannstation kann das Ausrichten beschleunigen, ohne jedes Teil neu zu vermessen.
- Muss das Design exakt zur Stoffoptik passen (z. B. Streifen)?
- Ja: Stabilisierung wie im Video (aufbügelbares Cutaway) konsequent nutzen, damit die Passung nicht „wandert“.
Fazit
Wenn du Lindas Reihenfolge konsequent umsetzt – Markieren, Aufbügeln, Einstellen, Sticken, Trimmen, Fixieren – bekommst du eine Raw-Edge-Applikation, die sauber sitzt und im Alltag Bestand hat. Der Schlüssel liegt in der stabilen Rückseite (aufgebügeltes Cutaway) und im kontrollierten Trimmen mit Duckbill-Schere.
Mit wachsender Erfahrung wirst du merken: Nicht die Kreativität ist der Engpass, sondern das „Kämpfen“ mit Material und Einspannen. Ob du dafür auf Magnetrahmen für Stickmaschine umsteigst oder einfach deine Vorbereitung konsequenter machst – das Ziel bleibt gleich: Qualität, die sich zuverlässig wiederholen lässt.
