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Knackige Schrift in Wilcom Hatch: Der Praxis-Guide zur Unterlage
Schrift ist in der Maschinenstickerei der schnellste Weg zu einem „professionellen Look“ – und gleichzeitig die häufigste Fehlerquelle: matschige Kanten, zusammengequetschte Satinstiche, kleine Knubbel oder Lücken, in denen der Stoff durchscheint.
Wenn du in Wilcom Hatch mit Lettering arbeitest, betrachte Unterlage (Underlay) nicht als „ein paar Extra-Stiche“, sondern als Fundament: Zu wenig Unterlage = die Satinstiche sinken ein oder werden instabil. Zu viel Unterlage = die Säule wird zu dick, die Schrift wirkt klobig und kleine Details „verstopfen“.
In diesem Guide zerlegen wir den Workflow von Sue (OML Embroidery) und übersetzen ihn in klare Entscheidungsregeln und Checkpoints für den Alltag: Wann Hatchs Auto-Unterlage genau richtig ist – und wann du bewusst eingreifen solltest.

Die „Gefahrenzone“: Sehr kleine Schrift (<6 mm)
Sobald Schrift unter 6 mm fällt, ändern sich die Spielregeln. Die Einstiche liegen extrem dicht beieinander – zusätzliche Struktur kann dann genau das Gegenteil bewirken: Statt sauberer Kanten entstehen „Stauungen“ im Fadenbild, und die Buchstaben wirken schnell wie ein kleiner Knoten.
Warum „weniger“ hier oft „mehr“ ist
Die zentrale Erkenntnis aus dem Video ist kontraintuitiv, aber praxisbewährt: Wenn winzige Schrift sich zusammenzieht oder „bunched“, brauchst du oft nicht mehr Unterlage – sondern weniger. In sehr schmalen Satinsäulen ist schlicht nicht genug Platz, um mehrere Lagen Unterlage plus Deckstich sauber übereinander zu legen.
Hatchs Auto-Logik: Wenn du Text in Hatch stark verkleinerst, schaltet die Software automatisch auf Center Run (eine einzelne Laufstich-Linie durch die Mitte). Das stabilisiert, ohne den Satinstich an den Kanten zu „verdrängen“.


Empirische Daten & „Safe Ranges“
- Geschwindigkeit: Für Schrift unter 5 mm Maschine langsamer laufen lassen. Wenn du sonst mit 1000 SPM arbeitest, reduziere auf 600–700 SPM – das hilft, weil weniger „Stress“ auf Nadel/Faden entsteht.
- Nadelwahl: Für sehr kleine Schrift eine 65/9 oder 60/8. Eine 75/11 kann im Verhältnis zur schmalen Satinsäule zu große Einstichlöcher hinterlassen.
Schritt-für-Schritt: „Clean Path“-Kontrolle in Hatch
- Textobjekt erstellen (Lettering).
- Auf Zielgröße skalieren (z. B. 5 mm).
- Stark hineinzoomen (TrueView aus), bis du die Struktur klar erkennst.
Checkpoints (visuell & haptisch):
- Visuell: Du siehst eine einzelne Linie (Center Run) durch die Mitte der Satinsäule.
- Visuell: Die Unterlage liegt nicht direkt an der Außenkante der Säule.
- Haptisch (nach dem Probestick): Der Buchstabe bleibt flexibel – nicht hart wie ein kleiner „Kügelchen“-Knubbel.
Praxisfaktor: Vlies/Material entscheidet mit
Software kann Physik nicht aushebeln. Selbst perfekt digitalisierte Mini-Schrift verzieht sich, wenn der Stoff nicht stabil gehalten wird.
- Upgrade (Workholding): Wenn du kleine, dichte Bereiche sicher fixieren willst, ohne den Stoff zu überdehnen oder Rahmenspuren zu provozieren, kann ein Wechsel auf Magnetrahmen für Stickmaschine die gleichmäßige Klemmung deutlich erleichtern.
Der „Sweet Spot“: Standardschrift (6–10 mm)
6 mm bis 10 mm ist ein typischer Bereich für Namen/Schriftzüge. In dieser Größe wählt Hatch meist automatisch sinnvoll zwischen Center Run und Edge Run.

Warum Center Run hier so gut funktioniert
Ein Center Run bildet eine „Rippe“, über die sich der Satinstich sauber legt. Das gibt der Schrift etwas Stand und reduziert das Einsinken – ohne unnötig aufzubauen.
Produktionsrealität: Das „wellig/krumm“-Problem Wenn die Vorschau in Hatch sauber aussieht, der Stick aber „wellig“ wird, ist das häufig eher ein Ausrichtungs-/Fixierproblem als ein Underlay-Problem.
- Schnelltest: Fühlt sich der Stoff im Rahmen straff an? (Trommel-Test: leicht antippen – er sollte „drum“ klingen.)
- Lösung (Technik): Stoff und Vlies temporär verbinden (z. B. Sprühzeitkleber), damit nichts wandert.
- Lösung (Tool): Viele suchen genau deshalb nach how to use magnetic embroidery hoop-Videos, weil die magnetische Klemmung die Spannung über die Fläche gleichmäßiger hält und damit den Zug des Satinstichs besser „abfedert“.
Heavy Duty: Rückenstick/Jacket Backs & große Schrift (>10 mm)
Wenn du Schrift deutlich größer machst (z. B. „Jacket Back“-Größe), werden Satinstiche länger. Ohne tragfähige Unterlage können sie instabil wirken, leichter hängen bleiben oder den Stoff zwischen den Stichen sichtbar lassen.
Sues Grundformel für große Schrift: Struktur + Definition.
- Double Zigzag: Baut eine tragende „Gitter“-Struktur.
- Edge Run: Darüber als „Schiene“ für scharfe, definierte Außenkanten.



Schritt-für-Schritt: Der „Bunker“-Stack
- Großes Schriftobjekt auswählen.
- Object Properties öffnen.
- Double Zigzag als primäre Unterlage aktivieren.
- Edge Run zusätzlich als zweite Unterlage aktivieren.
Checkpoints:
- Visuell: In der Vorschau siehst du ein „Netz“ (Zigzag) plus umlaufende Linien (Edge Run).
- Akustisch beim Sticken: Große Satinsäulen mit stabiler Unterlage klingen eher rhythmisch „satt“. Ein sehr hohes, „gequältes“ Geräusch kann auf zu hohe Dichte hindeuten.
Warnung – Fadenriss-Risiko: Viel Unterlage + große Satinsäulen = hoher Stichaufbau. Wenn du „Popping“ hörst oder der Faden stark schreddert, ist die Dichte oft zu hoch. Erhöhe die stitch spacing (z. B. von 0.40 mm auf 0.45 mm), damit der Faden mehr „Luft“ bekommt.
Feintuning: Margins (Abstand zur Kante) sauber einstellen
Manchmal „blitzt“ Unterlage an der Kante durch (Poke-Through) – besonders in Kurven. In Hatch kannst du die Unterlage weiter nach innen ziehen.


Schritt-für-Schritt: „Margin from Edge“ anpassen
- Schrift auswählen.
- In Object Properties zum Stitching-Tab wechseln.
- Margin from Edge finden.
- Einstellen:
- Normal: Standard – für die meisten Jobs passend.
- Medium/Wide: Zieht die Unterlage weiter nach innen. Sinnvoll, wenn die Passung knapp ist oder der Stoff beim Sticken leicht wandert.

Entscheidungshilfe:
- Normal bei glatten, stabilen Geweben.
- Medium bei strukturierten Materialien (z. B. Piqué), wenn du sonst riskierst, dass die Unterlage an der Kante sichtbar wird.
Troubleshooting: „Warum kann ich die Unterlage bei Lettering/Monogramming nicht ändern?“
Diese Frage taucht in der Praxis häufig auf (und wurde auch in den Kommentaren gestellt): Wenn du Underlay nicht aktivieren/ändern kannst, liegt es oft daran, dass du nicht mehr in einem editierbaren Lettering-Objekt arbeitest.
- Konsequenz: In diesem Zustand lassen sich Underlay-Optionen nicht wie gewohnt umschalten, weil Hatch nicht mehr „objektorientiert“ auf das Lettering zugreift.
Das ist eine typische Umstellung, wenn man von einer einfachen Monogramm-Stickmaschine-Logik (vorgefertigte Muster) auf professionelle, objektbasierte Software wie Hatch wechselt.
Diagnose-Logik: Die „Arzt-Tabelle“
Nutze diese Logik, bevor du wahllos Einstellungen änderst.
| Symptom | Schnellcheck (Sensorik) | Wahrscheinliche Ursache | Fix-Reihenfolge (günstig -> aufwändig) |
|---|---|---|---|
| Zusammengequetschte/verknotete Schrift | Harter Knubbel; Nadel klingt wie „Hämmern“. | Zu viel Unterlage bei sehr kleiner Schrift (<5 mm). | 1. Nadel auf 60/8 wechseln.<br>2. Unterlage reduzieren/abschalten (oder nur Center Run). |
| Wellige/krumme Kanten | Stoff fühlt sich im Rahmen nicht straff an. | Fixierung/Ausrichtung (Stoff wandert). | 1. Neu einspannen (Trommelspannung).<br>2. Magnetrahmen für Stickmaschine nutzen.<br>3. Pull Comp in der Software erhöhen. |
| Lücken/Einsinken | Stoff scheint zwischen Stichen durch. | Unterlage zu schwach für Material/Flor. | 1. Wasserlösliches Topping nutzen.<br>2. Unterlage auf Double Zigzag umstellen. |
| „Poke-Through“ (Unterlage sichtbar) | Unterlage/Faden an Kanten sichtbar. | Margin zu nah an der Kante. | 1. Margin auf „Medium“ stellen.<br>2. Spannung prüfen (Unterfaden ggf. zu locker). |

Entscheidungsbaum: Welche Unterlage für welche Schriftgröße?
Nicht raten – Schriftgröße messen und dann entscheiden:
- Ist die Schrift < 6 mm?
- JA: Center Run. Bei extrem klein (<4 mm) Unterlage AUS.
- Ist die Schrift 6–10 mm?
- JA: Center Run (Standard).
- Ist die Schrift > 10 mm?
- JA: Edge Run für scharfe Konturen.
- Ist die Schrift sehr groß (Jacket Back)?
- JA: Double Zigzag + Edge Run.
Vorbereitung: Pre-Flight-Checkliste
Bevor du digitalisierst, muss dein physischer Aufbau zur Aufgabe passen.
Versteckte Verbrauchsmaterialien
- Nadeln: 75/11 Standard, 65/9 für kleine Schrift. Kugelspitze für Maschenware, Sticknadel/Sharp für Gewebe.
- Topping: Wasserlösliches Topping ist Pflicht bei Frottee/Fleece, damit Schrift nicht einsinkt.
- Feuerzeug: Zum vorsichtigen Entfernen von Fusseln/Fadenenden nach dem Schneiden (mit Bedacht!).
Checkliste
- Material-Check: Dehnbar? (Dann Schneidvlies.) Strukturiert? (Dann Topping.)
- Einspann-Strategie: Hast du eine Einspannstation für Stickmaschine oder eine definierte Referenzfläche, damit Schriftzüge immer gerade und auf gleicher Höhe sitzen?
- Maschinenhygiene: Greifer-/Spulenbereich frei von Fusseln? Fusseln verursachen gerade bei Schrift schnell „zufällige“ Spannungsprobleme.
Warnung: Magnetrahmen haben starke Magnete. Abstand zu Herzschrittmachern halten und Finger schützen – beim Zusammenschnappen können sie heftig einklemmen.
Setup: Hatch-Workflow
So setzt du es in Wilcom Hatch praktisch um.


- Lettering Docker öffnen: Text eingeben.
- Zuerst skalieren: Unterlage erst beurteilen/anpassen, wenn die Schrift auf Endmaß ist.
- Farbe ändern: Kontrastfarbe wählen, damit du die Unterlagenstruktur besser erkennst.

Setup-Checkliste
- Text ist korrekt skaliert.
- Object Properties > Stitching Tab ist erreichbar.
- Underlay-Typ passt zum Entscheidungsbaum.
- Stichdichte ist Standard (0.40 mm), außer du arbeitest bewusst mit dickerem Garn (z. B. 30wt).
Produktion: Der Sticklauf
Effizienz-Hinweis für Serien
Wenn du 50 Namen stickst, ist Digitalisieren nur ein kleiner Teil – der Engpass ist fast immer das Einspannen.
- Level 1: Eine Einspannstation für Maschinenstickerei sorgt dafür, dass jeder Name exakt gleich sitzt.
- Level 2: Wenn du mehr Zeit mit Farbwechseln als mit Sticken verbringst, ist das oft der Punkt, an dem Mehrnadelstickmaschinen interessant werden – mehrere Farben gleichzeitig vorbereitet zu haben, macht Schrift in der Produktion deutlich effizienter.
Ablauf-Checkliste
- „Klick“-Test: Rahmen sitzt sicher / Magnet greift sauber.
- Trace/Umrandungsfahrt: Kontrollfahrt, damit die Nadel nicht in den Rahmen läuft.
- Start beobachten: Die ersten Stiche anschauen. Wenn die Unterlage sofort Schlaufen bildet: stoppen und Oberfadenspannung prüfen.
Ergebnis
Unterlage ist kein „einmal einstellen und vergessen“, sondern die Brücke zwischen Digitalisieren und realem Material.
- Kleine Schrift: braucht Luft (weniger Unterlage).
- Große Schrift: braucht ein Skelett (mehr Unterlage).
- Wellige Schrift: braucht bessere Fixierung (z. B. Magnetrahmen).
Wenn du die Beziehung zwischen Schriftgröße und Unterlagenstruktur beherrschst, verschwindet der „Amateur-Look“. Für reproduzierbare Ergebnisse lohnt es sich, den physischen Workflow zu standardisieren – z. B. mit einer hoop master Einspannstation-artigen Lösung oder hochwertigen Magnetrahmen. Konstanz beim Einspannen ist Konstanz in der Kante.

